Nimm Dir das Leben!

Nein, das ist kein Aufruf zum kollektiven Ableben – im Gegenteil.
»Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los, denn alles was du hast ist dieses eine bloß. Nimm dir das Leben und gib's nie wieder her, denn, wenn man es mal braucht, dann findet man's so schwer … « Diese Zeilen sind aus einem Song von Udo Lindenberg. Und für mich heißt das: Lebe Dein Leben, nimm Dich selbst wieder in die Mitte und vor allem wichtig!
Sie erinnern mich daran, dass es an mir liegt, dass es meine Entscheidung ist, mir das Leben zu nehmen – und zwar in seiner ganzen Fülle und Schönheit. Ich bin es, die verantwortlich ist, etwas Gutes aus meinem Leben zu machen.
Nicht immer bis morgen warten, um etwas zu verändern.
Nicht immer den sicheren, aber vielleicht langweiligen oder gar unbefriedigenden Weg gehen. Den mit dem geringsten Wiederstand.
Nicht auf die Freunde, Nachbarn, Eltern, Kollegen oder sonst irgendwen hören und vor lauter Angst der Ablehnung es allen Recht machen zu wollen.
Nein, aufstehen, sämtliche Ängste an die Hand nehmen und ihn durchziehen, Deinen (Lebens-)Plan. Vielleicht möchtest Du Dein Leben auf den Kopf zu stellen, vielleicht nur einen kleinen Schritt vorwärts gehen. Egal wie groß oder klein: Tu es! Geh raus und lebe. Es ist Dein Leben. Mach das, was für Dich passt.
Nimm Dir das Leben, nimm Dich selbst wieder in die Mitte und vor allem wichtig!

Meine Zeit - Mitten im Leben ...


... oder Nachtrag zur Veranstaltung vom 11.02.2019.

So, nun ist es schon eine Woche her, dass ich meine kleine – aber feine – Vortragslesung veranstaltet habe. Ein durchweg gelungener Abend und ich freue mich riesig über die vielen Komplimente die ich bekommen habe. Mit anderen Worten, wer nicht dabei war, ist selber schuld!

Und, ich habe mal wieder viel gelernt ….
Zum einen etwas über die Erwartungen, die wir an die Welt stellen. Wir möchten immer so gerne, dass diese die dann auch erfüllt und wenn es nicht so ist, sind wir enttäuscht. So eine Enttäuschung kann verletzten – oder uns (mich) stark machen. In diesem Fall, hatte ich natürlich gehofft, dass Unmengen an Zuhörer kommen (ich hatte – ganz wie gelernt – auch eine konkrete Zahl im Kopf). Nun, es kamen letztlich etwa die Hälfte davon. Die anfängliche Enttäuschung verflog aber bald, da diese Menschen wirklich zuhörten und dabei waren, als ich sie auf meinen Camino mitgenommen habe. Eine unglaubliche (gespannte, gerührte) Stimmung. Und das hat letztlich alles wettgemacht! Erwartungen sind gut, aber sie müssen nicht erfüllt werden um ein glanzvolles Ereignis zu haben.

Zum anderen ist es der Anspruch, den wir an uns selbst stellen. Diese ist ganz sicher eine sehr treibende Kraft, die unser Leben stark beeinflusst. Klar, ist dieser Anspruch zu hoch, können wir durchaus daran zerbrechen. Und ist er zu niedrig, leben wir vielleicht ein Leben, in dem wir uns mehr Sinn, mehr Erfüllung und mehr Abenteuer wünschen. Wenn unser Anspruch an uns selbst dagegen ein etwas ehrgeiziger ist, und zwar auf eine gesunde Art, dann kann uns das beflügeln, motivieren und die Kraft geben, zu dem zu werden, der wir sein können.
Mein Anspruch an mich selbst war es im Falle meines Vortrages, dass diese 100% reibungslos verläuft und ich die Zuhörer ‚einfangen‘ kann, faszinieren und motivieren. Ehrgeizig, sicherlich. Kann ich (Konnte ich) diesem Anspruch genügen? Schön wär’s, denn ich selbst finde immer etwas, das ich hätte besser machen können. Aber – mein learning - ich bin zufrieden, wenn ich das Gefühl habe, dass ich in der richtigen Richtung unterwegs bin. Denn der Anspruch an uns selbst ist ja kein klares Ziel, das es zu erreichen gilt. Unser Selbstanspruch wirkt eher wie ein Leuchtturm, dem ich mich immer wieder zuwende. Oder man könnte auch sagen, dass unser Anspruch wie eine Messlatte ist, an der ich mein eigenes Leben messen will. Und abends vor dem Schlafen gehen kann ich mich fragen: Bin ich meinem Anspruch an mich heute gerecht geworden? Und ein klares ‚Ja‘, lässt mich friedlich ins Land der Träume entschlummern …


Nun, wie auch immer, mir gehen die Ideen ja nicht so schnell aus. Und so habe ich bei der Veranstaltung nicht nur aus meinem Buch »Manchmal muss man einfach weiterlaufen« gelesen, sondern auch Bilder ausgestellt und meine kreativen Lesezeichen feilgeboten (siehe Bild).

Außerdem gibt es ein neues Buch »Meine Zeit – Mitten im Leben«. Es enthält fast 300 kurze Texte von mir, die ich im Laufe der letzten Jahre für unser örtliches Amtsblatt geschrieben habe. Da die ‚Kolumne‘ eine Plattform für den Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe ist, handeln viele Texte natürlich von und über den Umgang mit und ohne ein Suchtmittel. Aber auch von allem anderen, was das (abstinente) Leben so ausmacht. Wer Interesse hat, einfach eine PN an mich. Kosten sind €20 plus Verpackung und Versand (€ 3).
Nachstehend eine Kostprobe:

Erwartungen
Was macht uns wirklich unglücklich? Es ist nicht der Partner und nicht der Chef. Nicht das fehlende Geld oder die laute Wohnung. Wobei dies natürlich alles Faktoren sind, die einen gewissen Unmut auslösen können. Doch die wahre Ursache für diesen ‚Stress‘ liegt woanders. Die wahre Ursache liegt in uns drin. Denn das, was uns unglücklich macht sind unsere Erwartungen. Nichts weiter.
Was mich enttäuscht ist nicht der andere Mensch, der dies und jenes nicht tut. Was mich enttäuscht ist meine Erwartung, die ich an sie oder ihn hatte und die nicht erfüllt wurden. Dies gilt im gleichen Maße für die Erwartungen, die ich an mich selbst stelle.
Was mich unzufrieden macht – in jeglicher Hinsicht – ist immer die Diskrepanz zwischen dem, was ich erwarte und dem was wirklich ist. Und wenn Du sehr hohe Erwartungen hast – egal ob an Dich selbst oder andere, dann ist es kein Wunder, wenn Du oft unglücklich, unzufrieden bist.
Deswegen: Lass Deine Erwartungen los bzw. erwarte nicht, dass etwas passiert. Das heißt es jetzt aber nicht, dass Du nur noch auf der Couch sitzen und nichts mehr tun sollst. Es ist immer noch wichtig etwas für sich zu tun und Ziele zu haben. Aber knüpfe daran keine Erwartungen. Arbeite auf etwas hin, genieße den Weg. Aber erwarte nicht, dass Dir ein anderer den roten Teppich ausrollt.
Wir, das sind Betroffene und Angehörige, rollen auch keinen roten Teppich aus, aber wir unterstützen uns gegenseitig auf dem Weg in ein abstinentes Leben. Jeder ist willkommen! (wb)


Jeder weint seine eigenen Tränen
Ich sitze beim Frisör, muss warten und blättere um mir die Zeit zu vertreiben durch die einschlägigen Zeitschriften. Ein kleiner Artikel erregt meine Aufmerksamkeit. Hier geht es um einen Menschen, der durch seinen Alkoholkonsum fast alles verloren hat und das der doch gar keinen Grund zum Saufen hatte. Warum? Es wird mehrfach erwähnt, dass dieser potentiell Suchtkranke, nicht nur ein hohes Einkommen, eine tolle Frau und ein schickes Auto hat, nein er ist auch ein Manager im höchsten Rang.
Mir kommt der Satz in den Sinn: ‚Die Sucht macht vor niemandem Halt!‘ Und mit diesen Gedanken die Frage: Ist nun die Lebensgeschichte schlimmer, von der Frau, die als Kind misshandelt wurde, in verlotterten Verhältnissen aufwuchs und dann noch einen Säufer als Ehemann hatte … bringt man hier das Verständnis auf, dass Sie drogenabhängig wurde?
Und ist der Mensch, der es eigentlich gut hatte, in einer behüteten Kindheit aufwuchs, dem es nie an finanziellen Mitteln mangelte, aber der einfach nicht mit dem Leben zurechtkam, einfach nur willensschwach, wenn er zur Flasche greift?
Er hätte doch alles haben können, die andere dagegen hatte keine Chance.
Ist der mehr krank, der schon alles verloren hat und der weniger, der zwar irgendwie den Alltag auf die Reihe kriegt, aber nicht mehr ohne Suchtmittel auskommt?
Ich glaube nicht, denn jeder von uns hat sein ganz eigenes Paket zu tragen. Muss mit seinen Lebensumständen zurechtkommen. Nicht alle Schultern sind gleich breit …
Doch ich bin davon überzeugt: Auch in der schlimmsten Situation, gibt es noch Kraft in uns. Wir müssen sie nur finden und vor allem gebrauchen. Und das beginnt in dem Moment wo wir mit dem alten Leben abschließen, uns aussöhnen. Dann hat jeder die Chance, Suchtmittelfrei und zufrieden zu leben. (wb)

Langweilig ...


Meine Kollegin war ein paar Tage krank (Grippe). Heute kam sie wieder ins Büro und meinte es ginge ihr schon viel besser und dass sie am Liebsten schon vor zwei Tagen wiedergekommen wäre, da es ihr zuhause irgendwie zu langweilig wurde. … Genau das Gleiche hatte kürzlich ein Kollege gesagt, als er mit schniefender Nase kränkelte und trotzdem zur Arbeit kam. Zitat:» … da (zuhause) weiß ich ja gar nicht was ich den ganzen Tag tun soll!«

Hm, irgendwie gab mir das doch etwas zu denken. Ich meine, es ist nicht so, dass ich meinen Job verabscheue, nein, der ist ganz okay. Aber, ganz ehrlich, wenn ich für ein paar Tage wegbleiben kann, bleibe ich weg. Ganz davon abgesehen, dass man mit einer Grippe keine große Lust hat, irgendwas zu tun. Aber wenn die schlimmsten Symptome vorbei sind und man sich so langsam wieder besser fühlt, aktiver, nicht mehr auf dem Sofa liegen mag und dumme Fernsehshows ansehen, dann wird es spannender.
Mir geht es dann oft so, dass ich anfange, z.B. die Dinge im Haushalt zu tun, die sonst gerne mal im Alltagstrubel liegen bleiben. Ich ärgere mich dann aber manchmal gleichzeitig, dass ich diese ʹgeschenkte freie Zeitʹ nicht besser nutze. Aber wofür?

Nun, gefühlt wird es mir nie langweilig, da ich – wenn ich denn will – immer eine Beschäftigung in meiner Frei-Zeit finde (z.B. mal wieder in Ruhe ein Buch lesen, malen, mit dem Hund spazieren gehen). Und ich nehme mir auch immer mal wieder Zeit nichts zu tun, mich einfach der Langen-Weile hingeben.

Kürzlich las ich irgendwo den Satz: »Warum es uns schadet, dass wir uns nicht mehr langweilen können.« Es ging in dem Text darum, dass wir heutzutage immer schnell dabei sind, uns abzulenken. Jede noch so kleine Wartezeit wird mit WhatsApp, Facebook oder Handy-Spielen überbrückt. Dadurch ist Langeweile für viele Menschen ein Fremdwort (ja, ein Unwort) geworden. Ist wohl ein menschliches Urgefühl: Neben Hunger, Durst und Schmerzen ist uns nur wenig so zuwider wie das schiere Nichts, die Langeweile. …Dabei würde uns ein bisschen mehr davon guttun. Ich meine, im Alltag sind wir ständig gezwungen zu warten: an der Haltestelle, an der Supermarktkasse, im Wartezimmer beim Arzt, im Stau. Mal ein paar Sekunden, mal länger. Für Viele ist da schnell die Versuchung groß, jetzt das Smartphone herauszuholen und ein paar WhatsApp-Nachrichten zu beantworten, eine Runde Candy Crush Saga zu spielen oder Facebook aufzurufen. Das alles verkürzt die Zeit und hält uns beschäftigt. Sonst könnte uns ja langweilig werden.

Aber ist es gut, dass viele Menschen das Warten nicht mehr aushalten und schon nach wenigen Minuten zum Handy greifen? ʹVertane Zeitʹ, könnte man denken. Doch ist Langeweile wirklich überflüssig? Oder sollten wir unserem Gehirn nicht ab und an ein wenig Erholung gönnen – auch tagsüber? Hat es vielleicht sogar negative Auswirkungen, wenn wir es nicht tun?

»Ich denke, wir haben verlernt, in uns hineinzuhören.«, sagt der Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann. Er forscht am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg zu allen möglichen Fragen rund um die Zeitwahrnehmung.
Warten lässt viele unruhig werden. Wittmann kann erklären, warum Menschen schnell zum Smartphone greifen: »In der Zeit, in der wir warten und nicht abgelenkt sind, werden wir uns plötzlich unserer selbst bewusst.« Das heißt also, wir bemerken uns ʹplötzlichʹ selbst und damit auch unsere Körperlichkeit. Erst dann achten wir auf die Zeit. Wenn wir diese aber wahrnehmen, vergeht sie scheinbar ganz langsam, sie dehnt sich. Die Folge: Wir langweilen uns. »Das Erleben von sich selbst und das Erleben der Zeit hängen ganz stark miteinander zusammen – und das kann negative Emotionen auslösen.« so Wittmann.

So frage ich mich, was ist denn Langeweile? Als »eine unangenehme Windstille der Seele« hat Friedrich Nietzsche die Langeweile bezeichnet – »welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.« Wittmann erklärt: »Etwas überspitzt könnte man sagen, dass man es mit sich selbst nicht aushält.«

Eigentlich ist das ja paradox. Denn es ist doch so, dass viele Menschen darüber klagen, dass ihr Alltag zu hektisch sei und sie viel zu wenig Zeit (für sich) hätten. Ein sehr beliebtes Thema! So könnte doch ein Moment des Wartens ein Moment der Ruhe und eine Pause sein. Man könnte während so einer Wartezeit einfach ganz entspannt mit sich sein, den Gedanken nachhängen und überlegen, was der Tag heute schon so gebracht hat, was ich getan habe …
Aber der Gedanke, einfach vor sich hinzustarren und gar nichts zu tun, lässt viele Menschen unruhig werden. Und außerdem erwarten uns auf dem Smartphone positive Signale in Form von E-Mails, Messages oder Likes. Diese belohnen und bestärken uns, wir sind »ein wenig süchtig« danach, sagt Wittmann. Aber ich bin überzeugt, dadurch bremsen wir unsere Gedanken aus, geben ihnen keinen Raum sich zu entfalten.
Denn auch das kennt wohl jeder: Man starrt beim Zugfahren aus dem Fenster, macht sich bewusst keine Gedanken – und hat plötzlich einen guten Einfall. Oder plötzlich die Lösung für ein Problem im Kopf, über das man schon lange nachgegrübelt hat. Ideen entwickeln sich in ʹleeren Zeitenʹ.
Denn auch wenn der Geist entspannt ist, die Gedanken wandern und das Bewusstsein in die Dämmerung trudelt, wird es keineswegs dunkel im Gehirn: Stattdessen übernimmt dann das Default-Netzwerk die Regie, das nur unwesentlich weniger Energie verbraucht als ein konzentriertes Gehirn.

Wittmann bestätigt das: »Man muss durch die Langeweile hindurch, um auf Ideen zu kommen. In 'leeren Zeiten' entwickelt sich oft etwas im Hinterstübchen, das erst dann ans Tageslicht kommen kann.« - Das ist natürlich nicht immer so sein. Aber wenn es erst gar keinen Raum gibt fürs Abschweifen der Gedanken, weil man sich gleich ablenkt, kann sich nichts entwickeln.

Hier ein kurzer Exkurs, denn es gibt eine Seite der Langeweile, die mich persönlich eher unproduktiv macht. Das passiert z.B. wenn ich dazu ʹgezwungenʹ bin etwa weil ich im Büro einfach wirklich wenig zu tun habe und diese Zeit kaum anders nutzten kann (und ʹin mich gehenʹ ist ob der Lokalität eher schwierig). Da passiert es mir, dass irgendwann gar nix mehr geht. Auch nicht das Genießen der Pause oder aber mich aufzuraffen, irgendwas anderes zu tun (zum Beispiel einen Blogbeitrag schreiben). Mir scheint dann, mein ganzes System fährt einfach runter … Aus meinem Psychologiestudium weiß ich, dass Langeweile im Übermaß durchaus mit Störungen der Psyche einhergehen kann. Zugleich ist sie aber auch eine Triebfeder des menschlichen Geistes, die uns zu neuen Erlebnissen und Gedanken drängt. Vollständig sollten wir das ʹLuxusleidenʹ wohl nicht aus unserem Leben bannen: Denn im dämmrigen Niemandsland der schweifenden Gedanken, so zeigen Versuche von Hirnforschern und Kognitionspsychologen, könnte gerade der Schlüssel zu Kreativität und Erfolg liegen.

Grundsätzlich äußert sich Langeweile dadurch, dass die Gedanken abschweifen. Zugleich kann aber mangelnde Konzentration Langeweile überhaupt erst hervorrufen. Der eine erträgt Monotonie gut gelaunt oder findet selbst in einer Wasserpfütze spannende Details, der andere wird schon hibbelig, wenn er ein paar Minuten auf den Bus warten muss und keine Zeitung zur Hand hat. Psychologen messen diese Anfälligkeit auf der ʹBoredom Proneness Scaleʹ anhand eines Fragenkatalogs. Dabei zeigt sich zum Beispiel, dass Männer aus unbekannten Gründen anfälliger sind als Frauen, dass extrovertierte Menschen eher unter Langeweile leiden als andere, amerikanische Jugendliche eher als deutsche.
Eine besondere Neigung zur Langeweile mag im Einzelfall ein Unglück sein, doch das quälende Gefühl ist keinesfalls nur eine Fehlfunktion der menschlichen Psyche: Neugierde und Abenteuerlust waren höchstwahrscheinlich treibende Kräfte in der Evolution der Menschen – die Langeweile gehört also zum Leben dazu wie der Hunger zu einer guten Mahlzeit.

Die größte Herausforderung an die ʹleeren Zeitenʹ ist, dass es heutzutage fast unendlich viele Möglichkeiten zur Ablenkung gibt. Vor allem durch das Smartphone. Damit steht uns »plötzlich die ganze Welt zur Verfügung. Und umgekehrt stehen wir für andere Menschen ebenfalls ständig zur Verfügung«, sagt Wittmann.
Das ist aber noch nicht alles. Nach einem anstrengenden Arbeitstag schalten wir den Fernseher an, lassen das Radio laufen, lesen Zeitung oder ein Buch und gehen ins Fitnessstudio. »Das sind alles Dinge, die ich und jeder andere gerne machen, und das alles ist nicht schlecht«, erklärt der Experte. »Nur füllen wir eben jede leere Zeit mit Tätigkeiten. Häufig ist das auch eine Flucht vor sich selbst, eben eine Flucht vor der Langeweile.«

Gleichwohl, das Phänomen, dass Menschen ʹtote Zeitʹ füllen wollen, ist nicht neu. Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen seit je zumindest zeitweilig von dem grauen Nebel heimgesucht wurden. So bezeichnete im Mittelalter die Todsünde Acedia nicht nur Faulheit, sondern auch Lebensüberdruss, eine Trägheit des Herzens und mangelnde Freude an der Schöpfung. Im 17. Jahrhundert befindet Blaise Pascal , dass »nichts dem Menschen so unerträglich sei, wie in einer völligen Ruhe zu sein, ohne Leidenschaft, ohne Tätigkeit, ohne Zerstreuung, ohne die Möglichkeit, sich einzusetzen«. Noch drastischer formuliert es Immanuel Kant, für den die ʹLeere an Empfindungenʹ ein Grauen erzeugt, »gleichsam das Vorgefühl eines langsamen Todes«. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard bezeichnet die Langeweile gar als die ʹWurzel allen Übelsʹ.
Klar, der technische Fortschritt verstärkte das Problem auch früher schon. Denn immer dann, wenn durch eine Erfindung Zeit gespart wurde, füllten die Leute die Zeit eben mit anderen Tätigkeiten. So zum Beispiel nach der Erfindung der Waschmaschine. Der Psychologe Wittmann sagt: »Waschen war früher anstrengend und dauerte Stunden. Heute brauchen wir dafür nur einen Knopfdruck. Wir haben sogar Trockner und bügelfreie Hemden.« Nun, für mehr Ruhe im Alltag sorgte das auch nicht.

Der Mensch ist wohl das einzige Wesen, das im Gegensatz zur ʹsituativenʹ (also z.B. die Schlange an der Supermarktkasse) auch zuweilen unter ʹexistenzieller Langeweileʹ leidet. »Man weiß mit sich und der Welt nichts anzufangen und wüsste es doch gerne«, so beschreibt es Martin Doehlemann, der die beiden Begriffe geprägt hat. Existenzielle Langeweile sei »eine Art von Gefühlsparadoxie: ein leeres Sehnen, ein zielloses Streben«.

So denke ich, uns bleibt nur übrig, uns selbst zu ermahnen, in Wartezeiten tatsächlich einmal nichts zu tun. Wittmann rät: »Wir müssen uns ja nicht unbedingt langweilen, wir können auch spazieren gehen (a.d.R. mein Favorit ;-). Wenn wir aber ständig Input haben, weil wir ständig Informationen aufsaugen, ist kein echter Output möglich. Erst wenn wir den Input abschneiden und die Gedanken einfach wälzen lassen, kann eine Idee entstehen.«
Das passiere häufig genau dann, wenn wir gar nicht bewusst denken, etwa beim Joggen.
Oder wir üben uns in Entspannungsmethoden wie Meditation oder Yoga: All das ist darauf ausgerichtet, zur Ruhe zu kommen und sich selbst wieder besser zu spüren. Dass sich viele Menschen mit diesen Techniken beschäftigen, ist laut Wittmann auch eine Reaktion – darauf, dass wir verlernt haben, gelassen und konzentriert für 30 Minuten einfach ruhig dazusitzen, nichts zu tun, sich nur auf das Atmen zu konzentrieren und auf das Hier und Jetzt.

Wir sollten Lange-Weile also aushalten und als Chance sehen, statt sofort Facebook-Nachrichten zu checken oder durch die WhatsApp-Statusmeldungen der Freunde zu scrollen.
Ich bin da zuversichtlich, dass wir wieder lernen können, in Momenten des Wartens zu denken: »Super, geschenkte Zeit, die ich jetzt nur für mich nutzen kann.«

In diesem Sinne, wünsche ich ein lang-weiliges Wochenende.

As always
Thank your for your time
Wiebke