Ein guter Tag



»Was ist innere Freiheit? Innere Freiheit ist die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, bevor es die anderen tun.« (Peter Amendt)

Kennt ihr das auch, solche Tage, die einfach nicht so ganz ‚rund‘ anfangen? So diese, wo ich mir gleich schon auf dem ersten Weg ins Badezimmer den Zeh anstoße? Das was ich geplant hatte anzuziehen liegt natürlich in der Wäsche und frau steht vor dem Kleiderschrank und hat definitiv nichts anzuziehen! Ganz davon abgesehen hat die Strumpfhose ein Loch und die Stiefel sind dreckig!
Und dann, wenn frau vergisst die Kaffeetasse unter die Kaffeemaschine zu stellen und der Kaffee dann überall ist – nur eben nicht in einer Tasse? Beim Aufwischen des ganzen Malheurs stolpere ich über den Hund, der heute natürlich schon wach ist und drängelt und nicht wie üblich erstmal zum Gassi gehen geweckt werden muss. Bei eben diesem (Gassi gehen) dann lässt Herr Hund sich heute dann auch besonders viel Zeit … Zeit die ich gefühlt nicht habe. Ich bin schon völlig entnervt.
Jetzt komme ich mindestens 15 min später ins Büro wegen des verflixten Kaffees. Und natürlich ist jede Ampel rot und den langsamsten Fahrer des Tages vor meiner der Nase!
Und dann - jetzt mal die Männer weghören - … also Mädels … das sind dann ja so Tage, an denen frau, wenn Sie schon im Büro sitzt, erstmal nachprüfen muss, ob Sie überhaupt einen BH angezogen hat, oder? Ohrringe – Fehlanzeige! Habe ich mich überhaupt richtig gekämmt, die Haare frisiert? (Und ganz klar, ausgerechnet an so einem Tag kommt der hübsche Kollege vom dritten Stock vorbei und will irgendwas)? …


Früher war für mich so ein Tag praktisch schon gelaufen. Das konnte ja nix mehr werden, wenn es so anfängt! Und überhaupt bin ich jetzt mies drauf und alles geht schief und alles ist sch…. . Früher.

Und heute? Heute nehme ich es schlicht mit Humor, ganz nach dem Motto: »Wer nicht über sich selbst lachen kann, der nimmt das Leben nicht ernst genug.« Ändern kann ich es ja doch nicht. Ich meine, manchmal bin ich morgens einfach noch nicht recht wach oder einfach mit den Gedanken überall nur nicht bei dem was ich tue und da passiert es schon mal, dass eben der Kaffee neben die (nicht vorhandene) Tasse läuft. Und? Ich wollte da sowieso mal wieder abwischen. Und es ist doch schön, wenn Herr Hund ausnahmsweise am Morgen mal munter ist? Ganz davon abgesehen habe ich keine festen Bürozeiten – nur so in etwa – also ist es egal ob ich nun um 06:45 Uhr oder 7.15 Uhr am Schreibtisch sitze.
Vorher lächle ich im Fahrstuhl meinem Spiegelbild zu, denn die abstehende Haarsträhne sieht zu komisch aus (und die kann ich nachher mit bisschen Wasser zurechtrücken). Schmuck wird sowieso überbewertet und dass nun der Pullover farblich nicht so ganz toll zur Hose passt? Was soll’s? Es weiß ja keiner außer mir, dass ich eigentlich einen ganz anderen anziehen wollte, oder? Könnte ja auch Absicht sein …

…und so wird es auch ganz sicher ein guter Tag!

Ein Sprichwort sagt: »Selig sind jene, die über sich selbst lachen können, denn sie werden immer genug Unterhaltung haben.«

… na dann und diesem Sinne, wünsche ich einen fröhlichen Dienstag!!

… die Zeit sein lassen …



Vor ein paar Tage schickte mir ein Freund ein ‚altes Foto‘, dass er in seinem Archiv gefunden hat. Es ist von 2004 und wurde auf der Weihnachtsfeier des Freundeskreises gemacht. Ich mit gelockten längeren roten Haaren und - bis auf Helmut - habe ich mit den Menschen auf dem Bild keinen Kontakt mehr … Doch es rief gleich ein paar Erinnerungen hervor.

Im darüber nachdenken – also dem vergehen der Zeit – erschreckte ich regelrecht. Es ist bald Ende Januar 2018. Wo ist 2017, 2016 etc. geblieben? Alltagstrott und Pflichterfüllung lassen manchmal das Gefühl aufkommen, ich habe überhaupt nichts Besonderes erlebt! Gleichwohl, ich versuche es ja, mein Leben nicht so durchzutakten und durchaus Spielraum für Unerwartetes zu lassen. Aber es ist auch notwendig Pläne zu haben, zu machen. Sonst funktioniert der Alltag, die Koordination aller Pflichten und ‚Möchten‘ nicht. Und schnell verliere ich mich im day-to-day-business. Und dann kommt das Gefühl: wirklich etwas erleben tu ich selten.

Kürzlich sah ich beim Spazieren gehen ein paar Kinder auf einem Spielplatz und ich dachte: bei denen ist das anders. Die finden fast alles spannend und erleben viel. Ich glaube, das liegt daran, dass sie nichts mit Zeit anfangen können. Sie kennen nur das Hier und Jetzt. Und da leben sie. Klar nehmen sie sich auch mal was vor. Aber Kinder erleben vor allem den Augenblick. Irgendwie gefällt mir das. Manchmal wünsche ich mir, dass ich das auch besser könnte. Denn ich weiß doch nicht wirklich, was morgen passiert. Oder wie viel Zeit ich überhaupt noch habe. Trotzdem tu ich manchmal so, als hätte ich noch ewig davon.

Andererseits … Manche Leute lieben ja den Spruch: Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens!. Also, lebe jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre. Sie fühlen sich dadurch angeregt, ihr Leben bewusster und genussvoller zu gestalten.
Doch auch das will irgendwie bei mir nicht recht funktionieren. Zweifellos ist es tatsächlich so, dass heute der erste Tag vom Rest meines Lebens ist, trotzdem möchte mir das nicht täglich bewusstmachen. Ich finde es unglaublich anstrengend, jeden Tag so zu leben, als ob ich morgen sterben müsste. Offen gestanden finde ich es manchmal auch ganz schön, einfach so vor mich hin zu leben. Im Sonnenschein mit dem Hund Gassi gehen, mich mit Freunden treffen plaudern etc. - das ist wunderbar entspannend und erholsam, aber gewiss ziemlich frei von tieferem Sinnwert. Wenn ich mir in dieser Situation bewusst machte, dass am nächsten Tag der finale Abschied von der Welt anstünde, dann verlöre all dies wohl seinen Charme. Und ich mag ab und an seichte Filme im Fernsehen oder ich surfe sinnfrei durchs Internet – und schlage halt nicht eine wertvolle Zeitschrift auf oder lese ein literarisch wertvolles Buch.

Ich glaube: Wir Menschen sind nicht für den permanenten Tiefsinn geschaffen. Wir brauchen manchmal sinnfreie Entspannung. Wahrscheinlich haben schon die Neandertaler gelegentlich die Zeit totgeschlagen. Vielleicht ist es geradezu ein Zeichen höherer Kultur, ab und zu die Kultur Kultur sein zu lassen und einfach so zu sein, ein die Sonne genießendes Lebewesen, und so zu tun, als ob dieses Leben endlos wäre. 

Je älter ich werde, desto mehr genieße ich gerade diese leichten Stunden meines Lebens. Sie sind so wenig selbstverständlich wie ein sonniger Frühlingsnachmittag, an dem man tatsächlich gar nichts zu tun hat. Auch nicht die Aufgabe, dem Tag einen besonderen Sinn zu verleihen. Denn den hat er ja schon. Geschenkt.

Und gleichwohl ich keine zehntausend Jahre zu leben habe - so wie ein Riesenschwamm im Südpolarmeer – sind sie wichtig, die Mußestunden. Ganz davon abgesehen, dass ich nicht bei -2° auf dem dunklen Meeresboden leben will.
Lange zu leben ist das eine. Gut zu leben das andere. Gut leben. Für mich hat das zwei Seiten: Ich will nicht so tun, als ob ich zu allem noch Jahrhunderte Zeit hätte. Ich will aber auch nicht immer hektischer alles mitnehmen, was ich nur kriegen und erleben kann, weil ich in meiner begrenzten Lebenszeit ja noch so viel unterbringen will. 

Gut leben. Meine Lebenszeit als Geschenk betrachten. Heute darauf achten, was dieser Tag für mich bereithält. Sicher nichts Weltbewegendes. Vielleicht einen überraschenden Anruf oder einfach ein Lächeln. Und heute Abend Danke sagen, auch wenn nicht alles so war, wie ich’s mir gewünscht hätte. 

Und das eben: Heute, nicht morgen. Und das eben: leicht und ohne Tiefgang – Und dann eben trotzdem ein wundervoller wertvoller Tag.

As always
Thank you for your time
Wiebke

Pause


Fundstück: Schweigen meint nicht bloß, dass ich nicht rede, sondern dass ich die Fluchtmöglichkeiten aus der Hand gebe und mich aushalte, wie ich bin. Ich verzichte nicht bloß auf das Reden, sondern auch auf all die
Beschäftigungen, die mich von mir selbst ablenken. Im Schweigen zwinge ich mich, einmal bei mir zu sein. Wer das versucht, der entdeckt, dass es zunächst gar nicht angenehm ist. Es melden sich da alle möglichen Gedanken und Gefühle, Emotionen und Stimmungen, Ängste und Unlustgefühle. Verdrängte Wünsche und Bedürfnisse kommen ans Licht, unterdrückter Ärger steigt hoch, ausgelassenen Chancen, nicht gesagte oder ungeschickt gesagte Worte fallen einem ein. Die ersten Augenblicke des Schweigens enthüllen uns oft unser inneres Durcheinander, das Chaos unserer Gedanken und Wünsche. Es ist schmerzlich, dieses Chaos auszuhalten. Wir stoßen auf die inneren Spannungen, die uns ängstigen. Doch im Schweigen können diese Spannungen nicht abfließen. Schweigend entdecken wir, wie es um uns steht. Das Schweigen ist wie eine Analyse unseres Zustandes, wir machen uns nichts mehr vor, wir sehen, was in uns vorgeht. (Anselm Grün)