17171 Tage Liebesbeziehung?



Es ist wieder soweit. Mein Geburts-Tag jährt sich bald zum achtundvierzigsten Mal, das heißt ich bin dann genau 414621 Stunden auf dieser Welt – oder für nicht Rechengenies 47 Jahre alt.

Für mich immer ein Anlass, mich vor meine Tastatur zu setzen, um mir ein paar Zeilen zu schreiben. Ein Anlass, mal in die unendlichen Weiten meines Gehirns zu tauchen, im Versuch ein paar, vielleicht schon etwas vergilbte Sätze oder eingestaubte Wörter zu finden, die einem solchen Anlass angemessen sind.

Und da stolpere ich über einen Satz, den eine Freundin mal sagte: „Manchmal bin ich nicht per Du mit mir.“
Sie sagte dies in einem eher lustigen Zusammenhang, aber mich macht es nun ein wenig nachdenklich.
Ich kenne das auch und weiß, ich bin manchmal nicht per Du mit mir! Allerdings gebe ich zu, meine persönliche Umschreibung solcher Momente,  wenn ich mich selbst mal wieder nicht leiden kann, hörte sich bisher weniger freundlich an.

Zum Glück ist das ja auch kein Dauerzustand. Nichtdestotrotz, reichen da schon wenige Stunden, um mir die Laune zu vermiesen. Denn diese Stunden haben es dann meist in sich.
Der Abstand zwischen mir und mir scheint fast nicht zu überbrücken und eine meterhohe Mauer türmt sich auf. Ich finde dann keinen Zugang mehr zu mir selbst.
Dies sind auch die Zeiten, da nerve ich mich wohl selbst am meisten. Dann denk ich mir - wünsche mir: Kann ich nicht einfach anders sein? Zum Beispiel wenn ich mal wieder so richtig pampig bin oder ungerecht, überheblich oder unnahbar. Ich würde das dann gerne ändern. Aber es passiert mir trotzdem immer wieder.
Das Problem ist: Wenn mir jemand anderes auf die Nerven geht, dann kann ich ihr oder ihm aus dem Weg gehen.
Und einem Freund, einer Freundin verzeihe ich solche ‚miesen‘ Stunden oder Tage auch viel leichter. Kann ja mal vorkommen und das hat ja nichts mit mir zu tun.
Aber wenn ich mich selbst nerve, dann geht das nicht. Ich kann mir selbst nicht aus dem Weg gehen, da ich mit mir untrennbar verbunden bin. Ich muss das dann irgendwie anders hinkriegen. Eine Möglichkeit wäre sicher, es zu ignorieren. Aber das funktioniert nur bedingt und kurzfristig. Ich glaube, ich kann dann nur wieder per Du mit mir werden, wenn ich mich wieder mag, wie ich bin, mit Ecken und Kanten – und schlechter Laune.

Ich beneide da die Menschen ein wenig, die einen Gottesglauben haben. Die davon überzeugt sind, dass er sie mag – egal wie sie gerade sind. Dass er sie liebt und darum mit ihrem Fehler leben kann. Aber ich frage mich, der kann doch auch nicht alles toll finden, was ich so tue, oder? Ich stelle mir vor, er sitzt dann eher da oben und haut sich an die Stirn, weil ich so doof bin. Denkt sich, dafür habe ich den Menschen nicht den Verstand gegeben.

Mir hilft es in solchen Momenten, mich an meine guten Eigenschaften zu erinnern. Wenn ich das tue, fällt es mir leichter, gnädig mit mir zu sein. Und dann schaffe ich es auch, zum Beispiel nicht mehr so ungerecht zu sein. Bin wieder zufriedener mit mir. Und dann ist es auch wieder schön, dass ich ich bin.

Ich schaue auf das woher ich komme und mit welchem Mut ich so manche Herausforderung gemeistert habe.
Nein, ich lebe nicht in der Vergangenheit. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass diese wie ein Museum sei – und man sie auch so behandeln müsse. Ich meine wer wohnt schon gerne zwischen muffigen, angestaubten Ausstellungsstücken? Ganz davon zu schweigen, dass es hier auch ein paar ziemlich gruselige Ausstellungsstücke gibt. Es kann in einem Museum durchaus interessant sein und lehrreich. Aber es ist kein Ort zum Leben. Ein Ort zum Besuchen, wenn ich nach mir suche oder mich die Wehmut / Sehnsucht packt, nach vergangenen ‚guten Zeiten‘ oder Gefühlen oder Taten. Aber leben möchte ich im Hier und Jetzt und Heute.

 Doch es gibt Momente, das ist das mit dem ‚auf Du und Du‘ noch viel größer. Denn auch mit dem Leben an sich, hadere ich hin und wieder ziemlich. Es ist schon viel besser geworden und ich bin immerhin schon so weit, dass ich das Leben nicht mehr hasse. Wie schrieb ich einem guten Freund kürzlich:
Ich mag mich (meistens), wie ich bin – mit allen Facetten – und bin dankbar, dass ich auch diese Erfahrung in meinem Leben machen darf. Ebenso wie die Erfahrung, das Leben an sich zu mögen. Okay, das Leben und ich führen noch keine sehr innige Liebesbeziehung, aber das kommt noch. Im Moment arbeiten wir daran eine solide Freundschaft aufzubauen …
Eine gar nicht so leichte Aufgabe, finde ich. Denn da bin ich dann genau wieder an dem Punkt bei mir selbst angelangt. Ich habe es in der Hand, klar, aber ich kann die Frage: Mag ich mich oder mag ich mich? – nicht immer zu hundert Prozent ehrlich mit Ja beantworten. Bin eben nicht immer per Du mit mir oder meinem Leben.

Ich bemühe mich dann, um den Zugang nicht zu verlieren, den Moment zu sehen. Gerade so, wie bei einer langen Wanderung, der nächste Schritt der wichtigste ist. Einen Fuß vor den anderen setzen. Nicht den ganzen Berg hinaufsehen, den ich noch besteigen muss.
Mir gelingt das nicht jeden Tag, nicht jedes Mal, das gebe ich offen zu, aber doch meistens. Und das alleine, ist mehr, als ich mir bis vor ein paar Jahren hätte ausmalen können

So feiere ich auch in diesem Jahr, 365 gelungene Tage. Zwar in einem wesentlich kleineren Rahmen, als ich es im letzten Jahr angekündigt habe, aber das ist in Ordnung. Das größte Geschenk mache ich mir so oder so selber, nämlich die Vorfreude darauf, dass mein Buch „Manchmal muss man einfach weiterlaufen“ in Kürze im Handel erhältlich ist.

Nein, es war keine 17171 Tage andauernde Liebesbeziehung. Aber ich mag mein Leben so wie es ist. Mit dem was war, dem was ist und dem was noch kommt. Mit den Hochs und Tiefs, mit den geraden und kurvigen Wegen. Und auch mit den Tagen, an denen ich nicht per Du mit mir bin.

Happy Birthday to me!

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