Warum kriegt man Falten im Gesicht, wo am Po doch so viel Platz ist …



»Bücher sind in den meisten Fällen Zufallsbekanntschaften.« (Brigitte Fuchs)

Buchmesse in Frankfurt 17.10.15. 
Gut das ich Freitag frei hatte und einen echt gechillten Tag. Zwar habe ich in der Nacht nicht so supertoll geschlafen – seltsame Träume ‚plagen‘ mich – aber als um fünf der Wecker klingelt, bin ich wach und munter. Da das ja eh meine übliche Zeit ist, ist es kein Problem gleich aufzustehen. Clyde ist heute Morgen auch schon recht fit und so klappt alles reibungslos. Gegen sechs bringe ich ihn zu Mum und Dad, die heute netterweise auf ihn aufpassen werden. Ich versuche es so routiniert wie sonst zu tun, damit er nicht merkt, das etwas anders ist, als an den Bürotagen. Wobei mein Hund schlau ist und sicher trotzdem etwas bemerkt. Aber bei Oma und Opa springt er fröhlich in die Wohnung und guckt ob die noch schlafen. Ich schleiche mich schnell weg.
Zu Hause versuche ich noch etwas zu frühstücken (eine kleine Portion Müsli), aber es ist einfach zu früh und ich kriege fast nichts runter. Kaffee, das geht immer. Wollte ich mich damit – ob der längeren Busfahrt nachher – nicht etwas zurückhalten? Ach egal.

Um kurz vor sieben gehe ich nach unten und warte auf Sabine.
Auf der Hauptstraße in Leinfelden ist schon ziemlich viel los zu dieser frühen Stunde am Samstagmorgen. Die Vorbereitungen für das Krautfest, das dieses Wochenende stattfindet, laufen auf Hochtouren. Ich beachte es eher weniger, hoffe aber für die Veranstalter, dass das Wetter noch etwas besser wird. Die letzten Tage waren ja eher novemberisch und wenig geeignet für eine Hocketse.

Während ich warte, sinniere ich vor mich hin … als ich vor zwei Jahren das erste Mal auf der Buchmesse war (hier der Bericht "Ohne Nebenwirkung?"), bin ich alleine dort hin. Ich wollte gerade mein erstes Buch veröffentlichen und hatte doch ein weinig Hoffnung dabei, dass ich dort die Möglichkeit bekomme zu Verlagen Kontakt aufzunehmen. Dem war letztlich nicht so, aber ich war um einige Erfahrung und Ideen reicher zurückgekommen. Dieses Mal hatte es sich so ergeben, dass wir zu zweit fahren. Trotz der etwas blöden Umstände, denn die Busfahrt mit der VHS Leinfelden war abgesagt worden.  Wir hatten uns dann gegenseitig versichert, dies sei kein Zeichen nicht zu gehen, sondern eine Alternative zu finden. Wobei ich zugebe, alleine hätte ich den Gedanken dann wohl aufgegeben … Aber so fahren wir dieses Jahr mit dem Bus der Buchhandlung Wittwer. Kleiner Nachteil, der startet in Stuttgart in der Innenstadt. 

Sabine ist natürlich pünktlich. Die Fahrt in die Stadt ist easy. Sabine hatte im Voraus schon ein Parkhaus ausgesucht, wo sie ihr Auto abstellen kann. So, alles gut.
Kurz nach halb acht stehen wir vor der Buchhandlung in der Königstraße. Wir dachten wir sind die ersten, aber falsch gedacht. Es stehen bestimmt schon sechs oder sieben andere Mitfahrer da. Kurze Zeit später kommt auch die Dame der Buchhandlung Wittwer. Ich gebe zu, ich habe mir nur ihren Vornamen ‚Cornelia‘ gemerkt. Der Doppel-Nachname hat zu viele kczs drin. Sie begrüßt uns gut gelaunt. Für alle gibt es, nach Namensnennung bzw. –prüfung,– erstmal eine Tasche mit eine paar ‚Goodies‘. Und schon laufen wir zum Bus. Nachtblau hat Cornelia gesagt, ist er. Schön, ein Doppeldecker. Da wir die zweiten sind, die einsteigen (es hat ja durchaus Vorteile einen Nachnamen zu haben, der mit ‚B‘ anfängt, da steht man auf Namenslisten immer ziemlich weit oben), bekommen wir den Platz oben ganz vorne mit klasse Aussicht!

Wie kleine Kinder müssen wir jetzt erstmal schauen, was in der Tasche ist, die wir bekommen haben. Klar, ein paar Prospekte, Gutscheine für Give-aways von Verlagen auf der Buchmesse, zwei kleine Marsriegel, ein richtig schönes Lesezeichen und ein tolles Notizbuch. Wir freuen uns, die geben sich wirklich Mühe! Wenn alles andere auch so gut klappt …
 Fast pünktlich um acht fahren wir los. Zwar fehlt laut Cornelia noch eine Person, aber der oder die hat Pech gehabt … Durch die Stadt auf die Autobahn, ohne Probleme. Während wir rausschauen und quatschen vergeht die Zeit wie im Flug. Wir bekommen auch noch was auf die Ohren, nämlich eine CD mit Infos zur Messe, den Ausstellern, den Hallen etc.

Als wir gegen halb elf auf den Busparkplatz vor Halle 10 ankommen, sind dort schon ziemlich viele Messebesucher unterwegs. Ich habe ein kleines Dejà-vu (vor zwei Jahren lief es genauso ab). Und schon schieben wir uns mit der Menschenmenge zum Eingang. Als wir die lange Schlange vor der Eintrittsschleuse sehen, beschließen wir erst noch schnell zur Toilette zu gehen. Okay, auch hier eine Schlange und von schnell keine Rede. Aber eine Dame, die gerade die Treppe des angrenzenden Treppenhauses herunter kommt, meint oben im zweiten Stock wäre alles frei. Sportlich wie wir sind, joggen wir die Stufen rauf und tatsächlich, keine Schlange. Geschafft.
Dann können wir in aller Ruhe das Messegelände betreten. Ich erinnere mich, wo wir entlang gehen müssen. Wir haben beschlossen, zunächst zu Halle 3 zu laufen. Hier gibt es Literatur und Sachbücher (von Belletristik, Romanen über Kinder- und Kochbücher, bis hin zu politisch-motivierten Werken usw.). Das interessiert uns mehr, als Kunstbücher und ausländische Verlage.
Draußen verläuft sich die Menge ziemlich, aber beim Betreten der Halle wird schnell klar, es ist sehr voll. Ein erstes Durchschieben, bisschen hier und da gucken und wirken lassen. Die vielen ausgestellten Bücher erschlagen einen fast. Aber als Liebhaber von solchen fühle ich mich zwischen all dem trotzdem wohl. Immer wieder fasziniert mich der Gedanke, wie viele Worte, Geschichten, Gedanken hierin festgehalten und für die Welt konserviert werden. … Und schon ist die erste Stunde fast rum.
Ich brauche dringend erstmal einen Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen. Und erinnere mich an einen Kiosk oben, draußen – dahin gehen wir.

Vor der Fahrt hatte Sabine mir geschrieben, dass sie völlig planlos sei, wohin auf der Messe sie gehen wollte oder was tun. Ich hatte daraufhin vorgeschlagen, wir lassen uns einfach treiben und schauen wohin uns das führt. Und gestärkt von Kaffee bzw. Tee und eine große Käsebrezel, machen wir es dann auch so. Wir schlendern an Ständen vorbei. Und wo etwas unsere Aufmerksamkeit erregt, bleiben wir stehen und schauen. Natürlich sticht es mir ins Auge, als ich an einem Stand auf einem Prospekt das Wort „Pilger“ sehe. Es ist der Verlag der Mönche des Klosters Münsterschwarzach (hauptsächlich bekannt durch den Abt, Autor und Vortragsredner Anselm Grün). Eine junge Frau spricht uns an, ob wir uns für das Pilgern interessieren. Ich: Ich bin selber schon gepilgert und habe auch ein Buch darüber geschrieben. Flux habe ich meinen Flyer in der Hand und – natürlich zufällig – habe ich auch ein Buchexemplar dabei. Interessiert fragt die junge Dame mich aus und ich antworte gerne. Wir sprechen sicher zehn Minuten, dann muss sie wieder etwas tun und wir gehen weiter. Sabine merkt noch an, dass es in dieser Ecke der Halle viel ruhiger ist, als woanders. Nun, die Stände hier beschäftigen sich alle mehr oder weniger mit dem Thema Religion in all seinen Facetten. Könnte daran liegen. Das ist nicht so ein Magnet für das große Publikum … 

Wir schlendern weiter, lassen uns treiben. Schauen, staunen, genießen die Atmosphäre. Hören mal hier einem Vortrag, Interview oder einer Lesung zu, staunen da über Buchtitel und lesen Klappentexte, tauschen uns darüber aus.

Wir bestaunen auch all die Dinge, die sich Künstler so rund um das Thema Buch ausdenken. Besonders angetan hat es uns ein Hocker aus Holz, der die Form von aufgestapelten Büchern hat …

Plötzlich ein Stau oder besser Menschenauflauf. Hier gibt es wohl etwas Besonderes zu sehen. Schnell stellen wir fest, die stehen alle an um sich ein Buch signieren zu lassen. Ich recke den Hals und da, an dem Stand eines Kochbuchverlages sehen ich den ersten wirklich prominenten Gast, den ich kenne: Horst Lichter. Seines Zeichens Fernsehkoch und natürlich Rezepte-Buchautor. Aber dafür hier eine Stunde Schlange stehen? Ich weiß nicht …
Wir drängeln uns an der Menge vorbei weiter. Und landen in einem Teil der Halle, in der es sogar etwas zu kaufen gibt (auf der Buchmesse werden – außer in Ausnahmefällen – nur am Sonntag Bücher verkauft). Hier nun gibt es mehrere Stände von Verlagen oder besser ‚Druckereien‘, die Postkarten herstellen. Ganz verschiedene. Mit Kunstmotiven oder Comics, mit Sprüchen von nachdenklich – Jeder einzige Augenblick ist ein Teil der Ewigkeit - über witzig ‚ Warum kriegt man Falten im Gesicht, wo am Po doch so viel Platz ist …‘, nachdenklich ‚ist egal – ich lass das jetzt so – bis hin zu motivierend ‚Ich freu mich so‘. 

Letztere ersteht Sabine für mich und ich nehme mir vor, diese über meine Kaffeemaschine zu hängen. So habe ich dann jeden Morgen, neben dem körperlichen Muntermacher Kaffee auch meine persönliche seelische Aufmunterung positiv in den Tag zu gehen.
Wir schieben uns weiter. 

Interessant wird es immer an den Kreuzungen zwischen den Gängen, wohin gehen wir jetzt? Ich sage: Sag Du Sabine. Sie zuckt mit den Schultern. Ich: Na komm, trainiere Deinen Entscheidungsmuskel. - Okay, da mache ich es mir wohl etwas einfach … letztlich funktioniert es aber ganz gut. Wir wechseln uns mit den Entscheidungen ab.

Sabine liest ab und zu im Blog einer Buchrezensentin. Diese hatte geschrieben, sie sei auch auf der Buchmesse, organisiert ein Treffen von Bloggern. Vielleicht ganz interessant zu sehen, also suchen wir den angekündigten Stand (wir haben uns inzwischen bis Halle 4 vorgearbeitet). Dort sitzen eine ganze Menge Leute herum und reden, wir können uns aber irgendwie nicht so recht darauf einlassen. Nachdem wir eine Weile etwas unschlüssig herumgestanden haben beschließen wir weiterzugehen.
Mein mitgebrachtes Wasser ist längst alle und ich habe Durst. Inzwischen laufen wir auch schon gut drei oder vier Stunden herum. Pause wäre gut, wir sind uns einig. Hinsetzen. Auf der Suche nach einem Getränkestand und einer Sitzgelegenheit, kommen wir zufällig bei einer Lesung vorbei. Ein Buch namens ‚#der Blogger‘ wird vorgestellt. Wir finden sogar noch zwei leere Plätze – ganz vorne – und setzen uns. Aber das was der junge Autor vorliest ist nicht sehr fesselnd oder vielleicht sind wir auch irgendwie zu KO um ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Und rundherum ist es sehr laut. Uns geht die Puste aus und wir stehen auf. Nicht sehr höflich gebe ich zu, aber mir ist gerade eben nicht nach höflich. Ich habe Durst und bevor ich quengelig werde gehen wir weiter. Etwas trinken und eine Weile sitzen. Gesagt getan. Doch auch dann haben wir noch nicht so recht Lust uns wieder ins Getümmel zu stürzen. Frische Luft wäre sicher gut. Wieder sind wir uns wieder einig. Überhaupt stellen wir fest, wir schwimmen auf der gleichen Wellenlänge hier. Das macht es wirklich angenehm.

Draußen auf dem großen Platz sind auch viele Besucher unterwegs. Vor allem sehen wir hier noch mehr der verkleideten jungen Menschen. Ich kläre Sabine auf, dass diese – vor allem Jugendlichen – sich nach Vorbildern ihrer Helden aus Computerspielen oder Mangas kostümieren. Ich hatte diese vor zwei Jahren auch schon gesehen. Teilweise sehen sie richtig gut aus, fantasievoll. Manchmal aber auch sehr … improvisiert - um es mal diplomatisch auszudrücken. Na, wenn es schön macht …
Hier draußen gibt es ein großes Lesezelt, eine Aktionsbühle und so genannte Signierzelte. Vor diesen stehen mal längere, mal kürzere Schlangen. Ich kenne keinen der Autoren und auch nicht ihre Bücher, habe noch nicht mal von den Titeln gehört. Gut, dann brauchen wir auch nicht anstehen und sparen das aus.
So langsam meldet sich auch wieder der Magen mit einem leicht nagenden Gefühl. Etwas essen wäre nicht schlecht. Es ist gegen drei Uhr und der Tag noch lange nicht zu Ende. Doch was, das Angebot der Imbissstände ist ziemlich groß. Wir trainieren unseren Entscheidungsmuskel in dem wir das Ausschlussverfahren anwenden. Letztlich landen wir an einem Stand, an dem es ‚Flammlachs‘ gibt. Der Lachs wird an einer offenen Flamme ‚gegrillt‘, klein geschnitten und im Brötchen mit einer Soße serviert. Leckerst.

So gestärkt wagen wir und dann auch wieder ins Hallengetümmel – ganz davon abgesehen ist es draußen doch recht kühl, zu kühl um sich länger aufzuhalten. Erstmal machen wir einen Abstecher ins ARD-Forum. Sabine macht mich auf einen Herrn aufmerksam, der an einem Stand Autogrammkarten unterschreibt. Das ist doch der … der … na der Gewichtheber ...Sie überlegt angestrengt und irgendwann kommt sie auch auf den Namen: Steiner. Hat der jetzt auch ein Buch geschrieben? Wusste ich gar nicht. Später stellen wir fest, es ist ein Buch in der Reihe von zigtausend darüber, wie man abnehmen und seinen Körper stählen kann – oder so ähnlich. Naja. Da zieht dann auch nur der Name die Verkaufszahlen an.
Allzu viel wirklich Interessantes gibt es hier ansonsten nicht zu sehen. Nun ARD ist eben Fernsehen und nicht ‚Buchverlag‘. Wir beschließen nochmal zur Halle 3 rüber zu gehen. Es ist brechend voll und die Menschenmassen schieben sich durch die Gänge. Wir fühlen uns irgendwie überfordert. An die Stände kommt man eh nicht mehr wirklich dran um etwas zu sehen und sowieso sind wir in der Comic-Ecke gelandet, das ist nicht ganz mein Metier.
In einer kleinen Ecke finden wir noch einen Stand, der uns einen Kaffee bzw. Tee und ein Wasser verkauft. Und einen Sitzplatz. Wir wünschen uns beide, dass der Bus schon um fünf, statt um sechs abfahren würde.  So eine Messe ist anstrengend und hier ist der Input extrem. Der Kopf ist voll von all den Eindrücken und wir sind einfach platt.
So bummeln wir dann langsam in Richtung Ausgang um dort zu warten. Noch mal schnell zur Toilette und dann raus. Der Bus wartet direkt am Ausgang. Wie praktisch, schnell steigen wir ein.
… und wieder pünktlich fährt unser nachtblauer Doppeldecker in die Nacht. Alle sind müde und dösen vor sich hin, während ich mir ein paar Notizen mache.
Unterwegs fängt es an zu regnen. Wir denken an das Krautfest (Sabine hat früher dort auch schon gearbeitet) und hoffen die hatten nicht den ganzen Tag Regen. Das würde mir für die leidtun.
Die Fahrt verläuft ohne besondere Vorkommnisse und der einzige Stau in den wir geraten, ist nach Stuttgart in die Innenstadt rein. Aber auch das überstehen wir und erreichen letztlich gegen kurz vor einundzwanzig Uhr den Schlossplatz. Bald darauf sitzen wir in Auto auf dem Weg nach LE, wo Klaus und Clyde schon auf mich warten …

Ich bin ziemlich geschafft. Diesmal haben mich aber die Massen an Menschen nicht so ‚erschlagen‘, da ich ja wusste was mich erwartet. Auch bin ich nicht gefrustet darüber, dass es tausende von Autoren gibt, die auch gute Bücher schreiben. Habe nicht das Gefühl, dass mein Geschriebenes in der Masse völlig untergeht. Jeder von uns hat seinen Platz.

Und es war ein wirklich runder Tag. Ein paar neue Ideen und Anregungen und Eindrücke … und das gute Gefühl nach ein paar sehr wertvollen Gesprächen. Ich jedenfalls fand es schön diesmal in Gesellschaft dort gewesen zu sein.  … und denke immer noch, trotz der Menge an allem – oder gerade deswegen – wäre ein Besuch der Buchmesse für jede Leseratte zumindest einmal im Leben etwas Erlebenswertes …

As always
thank you for your time.
Wiebke

1 Kommentar:

  1. Hallo, Wiebke
    Den interessanten, persönlichen Bericht von der Buchmesse las ich gerne, danke!

    Lieben Gruss,
    Brigitte vom Blog "quersatzein",.

    P.S. Ich habe über den "eigenen" Bücherspruch hierher gefunden.

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