Was tut man wenn man nichts tut? ... Teil II

Als ich am naechsten Morgen aufwachte, ging es mir schon wesentlich besser. Der Magen hatte sich beruhigt und die Kopfschmerzen waren weg. Jetzt kann ich mich endlich auf das konzentrieren, warum ich hier bin – so dachte ich.
das 'Dhama-Rad'

Der Tag selber war schon fast Routine. Da man keine wirkliche Ablenkung hat, stellt sich diese sehr schnell ein. Der Stundenplan wird strikt eingehalten und Disziplin ist ein Teil der Methodik und wie ich spaeter feststelle auch sinnvoll – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Sie strukturiert den Tag, in den man ansonsten nur so hineinleben wuerde.

Am dritten Tag fand ich dann auch endlich eine gute Sitzposition, naemlich mit Meditationsbank. Das ist ein kleiner sehr niedriger Hocker, unter den man die Beine sozusagen drunterfaltet. Dann noch ein Kissen unter die Knie und ich konnte fast schmerzfrei sitzen. So hatte ich dann auch eine richtig gute Meditationsstunde und war mir sicher, jetzt habe ich den Dreh raus. Aber mir wurde bald klar, dass es nicht unbedingt an der Sitzposition liegt, ob eine Session gut oder schlecht ist.

Wenn man jemanden fragt, wieviel Zeit er / sie mit sich selber verbringt, was waere wohl die Antwort? Bis vor wenigen Tagen haette ich steif und fest behauptet 24 Stunden pro Tag! Jetzt stelle ich fest, dass dies alles andere als wahr ist. Die allermeiste Zeit stehen wir mindestens einen Meter neben uns, alleine durch die konstante Ablenkung. Natuerlich sollte man sich bei der Arbeit auf eben jene konzentrieren, ebenso beim Autofahren und dergleichen. Auch ist es sehr hoeflich im Gespraech mit anderen Menschen, diesem einen guten Teil seiner Aufmerksamkeit zu schenken. Doch all dies fuehrt dazu, dass man nicht wirklich bei sich ist ....

Hier nun, ist keine dieser Ablenkungen vorhanden. Kein Radio oder Fernsehen, man braucht weder arbeiten noch redet man (die Mitstudenten sollten ja moeglichst ignoriert werden) und man wird mit allem Noetigen (z.B. Essen) versorgt ohne sich grossartig darum kuemmern zu muessen. Einzig die Natur bietet eine kleine Abwechslung. Aber die Gedanken hoeren auch dort nicht auf. Sprich, man spricht fast ununterbrochen mit sich selbst.

Ich ueberlege mir, dass wenn ich schreibe, dies im Prinzip auch als reden gilt, oder? Ich unterhalte mich mit mir selber. Ob dies dann auch als Ablenkung gilt? Ich persoenlich finde nicht, denn es ist ja wichtig, zu schauen, was mit mir passiert, waehrend ich hier bin und meditiere. Und schreibenderweise gelingt mir dies nun mal meist am Besten.

die Unterkunft der Frauen

(die Fotos habe ich selbstverstaendlich
nicht selbst gemacht - no cameras allowed -
sondern der Webseite des DhammaSiri
Centers entliehen)
Am Tag drei ist die Technik ein wenig verfeinert worden. Ich verstehe langsam auch besser worum es geht. Naemlich darum, dass wir aufmerksam auf unser Unterbewusstsein werden. Ich erhebe hier nicht den Anspruch, dass ich alles so wiedergebe, wie es auch gemeint ist. Ich beschreibe es so, wie es bei mir ankommt. In einfachen Worten: wie oft geschieht es, dass es mich irgendwo juckt und ganz automatisch kratze ich mich – ohne bewusst darueber nachzudenken. Hier nun, wenn ich fuer eine Stunde stillsitze und die „Empfindungen“ in meinem Koerper beobachte, veraendert sich etwas. Ich spuere z.B. dass es mich am Bein juckt. Ich beobachte dann genau diese Stelle mit einer sehr gleichmuetigen Einstellung: ah, da juckt es jetzt, na und? .. und das Jucken geht von ganz alleine weg. Dies bewusst zu realisieren hat zwei Auswirkungen. Die eine ist, dass einem klar wird, dass nichts von Dauer ist. Dies in der Theorie zu wissen ist ja gut und schoe, aber es physisch am eigenen Leib zu erleben, vertieft die Erkenntnis um ein Vielfaches!

Die zweite Auswirkung ist, dass ich durch das bewusste nicht kratzen (ich benutze das „Jucken“ an sich als Beispiel, denn es kann auch ein Kitzeln oder auch Schmerz sein), loese ich sozusagen die unbewusste Handlung auf. Lasse mich also nicht unkontrolliert handeln. Wenn nun genau dieser Mechanismus – naemlich Handlungen aus dem Unterbewusstsein in das Bewusstsein zu bringen – durchbrochen wird, kann ich dies auch auf viel komplexere Bereiche ausweiten. Beispiel: wenn jemand etwas Unschoenes zu mir sagt, reagiert mein Unterbewusstsein automatisch mit ‚Abwehr’ und Gegenreaktion. Negative Gefuehle, die bewirken, dass es mir schlecht geht. Lasse ich meinem Unterbewusstsein aber nicht diese Freiheiten, sondern durchbreche den Automatismus, so kann ich, wenn jemand etwas Unschoenes zu mir sagt, viel bewusster reagieren und z.B. sagen: oh, der hat einen schlechten Tag, aber das geht vorbei. Ich muss deswegen nicht auch schlecht drauf sein ...

So in ungefaehr verstehe ich die Theorie der Technik. Und wenn dies funktioniert, ich mir das verinnerlichen kann ... ein ganz neues Lebensgefuehl wuerde entstehen ... Allerdings, das Ganze in die Praxis umzusetzen ist natuerlich nicht ganz so einfach und erfordert ziemlich viel Uebung.

Aber darum war ich ja hier. Doch schnell merkte ich, dass dies viel Bereitschaft voraussetzt. Und mein Gehirn / Geist zeigte sich nicht immer kooperativ dabei. Es ist Tag vier und die morgendliche Sitzung war fast schon grausam schwer. Ich schaffe es nicht mich zu konzentrieren, fokkussieren. Mir tut alles weh von der ungewohnten Sitzerei und meine Gedanken fahren Achterbahn. Ich habe einen Moment in dem ich mich ernsthaft frage, wie ich auf die bloede Idee kommen konnte, mich fuer dieses Retreat anzumelden. 10 Tage meditieren? Ich haette ja nicht mit einem zwei Tage Probekurs anfangen koennen, oder etwas aehnlichem? Nein immer gleich in die Vollen .... Waehrend der Lehrer redet (vom Band) ist es ganz gut. Da hoere ich die Stimme und befolge auch die Anweisungen. Aber dann wenn es ruhig ist, kommt es mir vor, als versage ich komplett. Es scheint mir, allen anderen faellt es leicht, die sitzen still da und meditieren (so sieht es aus) und ich hampel hier um und kriege es nicht hin. Doch ich versuche mich damit zu troesten, dass ja schliesslich noch kein Meister vom Himmel gefallen ist.

Ich bin mir schon sehr bewusst darueber, dass ein Teil der Ursache meines nicht ganz so guten Befindens natuerlich nicht wirklich nur die ungewohnte Sitzerei ist und auch nicht das Meditieren als Technik an sich. Es ist – um nochmal darauf zurueck zu kommen – die Tatsache, dass ich nun ploetzlich 24 Stunden mit mir alleine bin. Keine Ablenkung in irgendeiner Form. Und durch die Uebungen, in Bereiche des Unterbewusstseins vorzudringen, kommen ja nicht nur Automatismen zum Vorschein, sondern auch dort vergrabene Gefuehle! Das ist so, als wenn man in der Wueste ein Loch graebt und dann bildet sich ploetzlich tief unten im Sand eine kleine Pfuetze. Und wenn man noch ein wenig weitergraebt, wird es ein wenig mehr Wasser und man sieht wie die Oberflaeche erst welllig wird und dann wie es in der Mitte zu sprudeln beginnt. Und von diesem Sprudeln in der Mitte gehen die Kreise bis an den auessersten Rand der nun groesser werdenden Pfuetze ...

Es ist immer noch der vierte Tag und die Nachmittagssitzung hatte es wirklich in sich. Erst eine Stunde normales meditieren (wie wir es die letzten Tage praktiziert haben). Dann gab es eine kurze Pause und dann kam eine ca. 90-minuetige Sitzung in der wir die eigentliche Vipassana-Technik lernten. Jetzt werden nicht mehr nur die Empfindungen im Nasenbereich beobachtet, sondern am ganzen Koerper. Es kostete mich schon einige Muehe mich fuer so lange Zeit zu konzentrieren, aber ich schaffte es, auch in den naechsten Sitzungen; wenn schon nicht immer intensiv zu meditieren, so dennoch still zu sitzen.

Und dann kam Tag sechs. Angefangen hatte er mit einem positivem Erlebnis am Vormittag. Direkt vor der Unterkunft der Frauen befindet sich ein Teich. Da Wasser ja sowieso mein Element ist und hier an dem Pond zu meiner Freude auch Schildkroeten wohnten, hatte ich schnell meinen Lieblingsplatz gefunden, ein Baumstamm mit Blick auf eben das Gewaesser mit all der wilden Natur da rum. Und da – nach einem Regentag – nun das Wetter wunderbar mild war, die Sonne schien, hatte ich es mir dort bequem gemacht. Alle anderen waren in ihren Zimmern oder in der Meditationshalle und ich war alleine.

Ich sitze also da am Pond und gruebel vor mich hin, als es rechts von mir im Gebuesch raschelte. Ich vermutete erst ein paar Voegel, die es hier ziemlich zahlreich gibtb. Aber irgendwie war es mehr. Also Squirrles (texanische Eichhoernchen), auch davon waren hier genug unterwegs. Doch auch dafuer schienen mir die Geraeusche zu laut und als ich in die Richtung blickte, schaute ich direkt in die Augen einer Wildkatze (in Texas heissen diese Bobcat). Im allerersten Moment setzten Herz und Atmung aus. Natuerlich war sie nicht so gross wie etwa ein Puma, aber doch um einiges groesser und kraeftiger als eine gewoehnliche Hauskatze. Das Fell grau-braun meliert, mit kurzem Schwanz und einem kraeftigen Koerperbau. Mit gelb-schwarzen Augen sah mich kurz an (ich war inzwischen aufgestanden um sie besser zu sehen und – ganz ehrlich – notfalls schneller fliehen zu koennen), drehte sich dann um und spazierte an mir vorbei, am Haus entlang, um sich dann ca. 10 m weiter hinzusetzen und aufmerksam in den Wald hinter dem Gebaeude zu schauen.
Irgendwann hatte sie wohl etwas entdeckt und sprang davon. Wow! Ich habe selten etwas so elegantes gesehen, oder gar ein Lebewesen das eine solche Ruhe ausstrahlt! Und sie schien ueberhaupt keine Angst zu haben. Faszinierend.

Weniger faszinierend dagegen war meine Verfassung. Koerperlich plagten mich Kopfschmerzen und eine ungute Verdauung, aber damit haette ich ja noch leben koennen. Unangenehmer war der seelische Zustand. Und im Laufe des Mittags wurde es immer schlimmer. Meine Gedanken fingen an sich um die Ueberlegung zu kreisen, noch heute mit der Lehrerin zu sprechen und ihr zu sagen „ich gehe“ und dann Helmut anrufen, dass er mich spaetestens morgen abholen soll. Natuerlich fiel mir – als „Wie kann ich mein Leben verbessern“-Hoerbuch-Veteran sofort der Spruch ein: A Winner never quits and a Quitter never wins! Aber: man dh. frau dh. ich kann sich doch auch mal geirrt haben und diesen Irrtum dann zugeben, oder? Ich meine, warum soll ich mich noch vier Tage quaelen? Okay, Helmi wird es wohl eher nicht gefallen, weiss ich doch, dass er ein Projekt am Laufen hat waehrend ich weg bin. Aber ich kann mich doch nicht immer danach richten, was anderen passt oder nicht ... mein Gedankenschlitten war ausser Kontrolle und auf einen schwarzen, eisigglatten Emotionsgletscher geraten und bewegte sich langsam, aber unhaltbar in Talrichtung ... Tiefe Krise. Mir kam dann kurz der Gedanke, oder besser die Befuerchtung, wenn ich all das anleiere – also mit der Lehrerin reden, Helmi anrufen, usw. – ich mich hinteher auch elend fuehle, weil ich versagt habe. Eine Zwickmuehle!
Je mehr Minuten verstrichen, je konfunser wurde ich. Und es war niemand da, dem ich es mitteilen konnte. Ich musste – zumindest in dem Moment – damit fertig werden. Eine Entscheidung treffen. Wieder die ernsthafte Ueberlegung morgen abzureisen. Auch ein Spaziergang nach dem Mittagessen und ein Powernap (20 min schlafen) halfen nicht. Es ging mir nicht besser. Kopfschmerzen, der Magen krampfte sich zusammen.

Dachte dann, okay, ich gehe in die Nachmittagssitzung und anschliessend treffe ich eine Entscheidung. Doch soweit kam ich dann gar nicht, denn auf dem Weg von der Unterkunft zur Meditationshalle fiel die Krise ueber mich her, als haette mir jemand einen Eimer Wasser ueber den Kopf geschuettet. Ich kann das nicht, ich will weg! So wartete ich auf dem Weg dorthin auf unsere zustaendige Ansprechpartnerin (eine sehr junge Frau, ich schaetze japanischer Abstammung, die fuer Organisation etc. zustaendig war). Ich sagte ihr (mit noch) fester Stimme: Ich will morgen abreisen! Allerdings muss ich schlecht ausgesehen haben, denn sie fragte gleich ob alles okay ist? Das war zuviel! Nein, nichts ist in Ordnung! ... meine Stimme nur noch ein heiseres Fluestern zwischen den aufsteigenden Traenen. Ich bin normalerweise nicht so nah am Wasser gebaut, aber jetzt ... All die tollen Saetze, die ich mir zurecht gelegt hatte – weg! Klasse. Ich versuchte ihr dann zu erklaeren, dass dies alles hier einfach nichts fuer mich sei, das ich fehl am Platz bin. Sie sagte sehr ruhig, dass es ihr beim ersten Kurs ebenso ergangen sei. Immer noch mit erstickender Stimme stammelte ich, dass mir das jetzt nicht wirklich nuetze. Ihr naechster Satz allerdings traff mich: It is not at all what you expected, right? (es ist nicht was Du erwartet hast). Nein, wirklich nicht! Sie fragte mich dann, ob ich mit der Lehrerin sprechen moechte und ich sagte, mit traenenverschleiertem Blick auf die Uhr, dass jetzt ja erstmal Meditationsstunde sei. Ob ich dort teilnehmen koennte? Ja, ich versuche es. So bin ich in die Halle. Und eine positive Energiewelle empfing mich. Ich setzte mich auf meinen Platz und beruhigte mich. Es dauerte eine Weile, aber ich hatte ploetzlich wieder das Bild der Wildkatze – elegant, ruhig, furchtlos – vor Augen und das half. Als sich der Tornado in meinem Kopf dann ausgetobt hatte, konnte ich auch wieder einen klaren Gedanken fassen (wobei das Stillsitzen und die allgemeine Versunkenheit der Meditierenden ihren Teil beitrugen). Ich ueberlegte mir, dass wenn ich mit der Lehrerin spreche, sie mir bestimmt sagt „versuche es doch noch einen Tag lang“ und „ das was jetzt passiert, ist der Reinigungsprozess, all die alten Dinge sprudeln an die Oberflaeche“ ... usw. Trotzig wie ich bin, antwortete ich mir: Das weiss ich ja selbst! Doch neben dem Trotz hatte auch eine ganz vernuenftige Stimme Platz und die sagte: dies waere kein guter Zustand nach Hause zu fahren, ich sollte erstmal wieder meine sieben Sinne sammeln. Ich glaube ich beginne die Geschichte mit der Reinigung zu verstehen. Und dazu dient das Schweigen, meditieren (allein mit eigenen Gedanken) und die ‚Solitude’, aber auch das Durchwaten eines Krisensumpfes, barfuss und ungeschuetzt. Vielleicht sollte ich doch die vollen 10 Tage bleiben und komme nicht „kaputt“ nach Hause? Doch erstmal heute. Fuer heute ist es gut und morgen, morgen ist ein neuer Tag und ich entscheide dann. Ja, so mache ich das ...

Ich lernte an diesem Tag das wohl wichtigste Wort bis ins tiefste Innere zu begreifen: „Annicca“ (sprich: anitscha) – frei uebersetzt bedeutet es: nichts ist permanent, alles geht vorbei! Auch die Ungewissheit, wie es mir morgen gehen wird ....

.... Fortsetzung folgt ....

Was tut man, wenn man nichts tut? ... Teil I

Diese Frage stellte mir eine Freundin bevor ich mich aufmachte zu einer Reise in die Stille. Wobei eine stille Reise nach Innen – im Nachhinein betrachtet – wohl die passendere Bezeichnung ist.

Wer vor hat selber diese „Reise“ zu machen, sollte diesen Bericht vielleicht nicht lesen um unbeeinflusst und vor allem unvoreingenommen die Welt des Vipassana (‚wiepaschna’ ausgesprochen) fuer sich zu entdecken. Wer schon an einem 10-Tage „Seminar“ teilgenommen hat, liest dies vielleicht und denkt: bei mir war das aber ganz anders. Das liegt in der Natur der Sache, denn so verschieden wir Menschen sind, so verschieden erleben wir auch ein solches Meditationsretreat.

However, dies hier sind meine Erfahrungen, die ich – wie es eben meine Art ist - ungefiltert weitergebe.

Zunaechst einmal die ganz simplen rundherum Tatsachen, fuer diejenigen, die noch nie davon gehoert haben. Vipassana ist keine Sekte oder Religion, lehnt sich aber in vielem an die Lehren Buddahs an, der – so heisst es – auch diese spezielle Meditationstechnik wiederentdeckte. Letzteres ist es, worin man in den 10 Tagen unterwiesen wird, zusammen mit ein wenig Hintergrundwissen.

Vipassana wird von einer sogenannte „non-profit organisation“ gelehrt, Diese Organisation arbeitet rein auf Spendenbasis. Zunaechst einmal kostet einen so ein 10 Tage-Kurs nichts, aber wenn man denkt, dass es eine gute Sache ist, kann man anschliessend eine grosse oder kleine Geldsumme (oder auch seine Arbeitskraft usw.) spenden um anderen Menschen die Moeglichkeit zu geben auch einen solchen Kurs zu belegen. Wer mehr ueber Vipassana an sich wissen moechte, findet dies auf der entsprechenden Webseite (deutsch: http://www.dvara.dhamma.org/dvara_.html?L=1 / englisch: http://www.siri.dhamma.org/ )

Ich selber bin durch eine Freundin darauf gestossen, die im letzten Jahr in Deutschland in dem Retreat war. Es hat mich fasziniert, alleine schon dass man neun von den zehn Tagen nicht spricht oder in irgendeiner Form kommuniziert. Nachdem ich dann feststellte, dass sich nur ca. 3.5 Autostunden von Livingston entfernt ein Meditation Center befindet, stand der Entschluss fest mich der Herausforderung zu stellen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass ich mir zwar sehr im Klaren darueber war, dass es eine solche wird, schliesslich habe ich keinerlei Erfahrung mit Meditation – aber letztlich doch null Ahnung hatte, was wirklich auf mich zukommt.

Das Gelaende des Southwest Vipassana Meditation Center liegt nahe eines kleinen Ortes ca. 40 Meilen suedwestlich von Dallas. Ziemlich weit draussen und es gibt als Nachbarn Weiden mit Longhorns und Koyoten.

Ein Prinzip ist, dass man so wenig wie moeglich mitbringt, um sich so wenig wie moeglich abzulenken. Soll heissen, kein Fotoapparat, kein Handy, selbstverstaendlich gibt es kein TV oder Radio, keine Buecher – das hat mich, wie jeder der mich kennt sich unschwer vorstellen kann - Ueberwindung gekostet – und man soll auch kein Tagebuch schreiben! Ohne Stift und Papier verreisen? Dies nun stellte fuer mich den groessten Pruefstein dar, dachte ich, und brachte es letztlich schlicht nicht ueber mich, mich an diese Regel zu halten. Meine Unterhaltungen mit mir selber fuehre ich nun mal meist schriftlich. Auch habe ich, wenn ich nicht schreibe, das Problem an irgendetwas haengen zu bleiben, aus Angst ich vergesse diesen wichtigen Gedanken. Ich konnte auch nicht wirklich sehen, in welcher Form mich das Schreiben einschraenken sollte, habe allerdings meine Aufzeichnung auf ein absolutes Minimum beschraenkt ...

Ach ja und Maenner und Frauen werden strikt getrennt, nicht nur die „Dorms“  (Schlafhaeuser) sondern auch beim Essen, die Spazierwege usw. Nur in der Meditations-halle sind beide Geschlechter gleichzeitig, allerdings auch hier, Maenner links – Frauen rechts (und jeder hat seinen eigenen Eingang).

So lieferte mich Helmut also am 15.03. im Southwest Vipassana Meditation Center ab. Nachdem ich mich angemeldet hatte, bezog ich mein Zimmer: eine „Zelle“, die schlicht aber aeusserst praktisch eingerichtet ist, mit eigenem WC, Dusche und Waschbecken gleich rechts wenn man reinkommt, ein Regal fuer Klamotten und ein Bett (ich hoerte spaeter, dass die Einzelzimmer „Luxus“ sind und es normalerweise Mehrbettzimmer gibt). Zu meiner Freude gab es ein grosses Fenster, das den Blick nach hinten zum „Wald“ freigab – allerdings nicht zu oeffnen war (wegen der Klimaanlage). Ein paar Stunden im Auto sitzen war anstrengend und so machte ich einen ersten Spaziergang in und um die Gebaeude herum. Ausreichend Platz war vorhanden und ich war sehr gespannt, was da auf mich zukommt.



Zunaechst einmal gab es ein leichtes Abendessen, Lasagne und Salat (ich hielt mich an letzteren) und Tee. Bei diesem ging es noch recht laut zu. Noch durften wir sprechen und die Meisten machten Gebrauch davon. Ein Durcheinander aus Stimmen und Saetzen und ich vermuten, haette man es gemessen, dass der Decibel-Bereich den zulaessigen Hoechstpegel deutlich ueberschritt. Man (das heisst ‚Frau’, denn die Maenner haben wie erwaehnt ihren eigenen Speisesaal) stellte sich vor, unterhielt sich ein wenig darueber, was man hier tat und es war allgemein eine gewisse nervoese Gespanntheit spuerbar. Doch ich hoerte auch, dass es einige gab, die schon zum zweiten oder dritten Mal oder noch mehr an einem solchen Vipassana Retreat teilnahmen. Als ich mir so die Frauen in dem kleinen Raum, der als Speisesaal genutzt wurde (urspruenglich war dies ‚Haupthaus’ eine ganz normale ‚Residenz’ gewesen), ansah, sah ich, dass unter den schaetztungsweise 30, 40 Damen, wirklich so ziemlich jede Altersklassen – von 20 bis 70 – vertreten war.

Nach dem Essen gab es eine so genannte „Orientation“ – also eine Einfuehrung in die Regeln und den Stundenplan, sowie einige organisatorische Dinge. Fuer den Abend wurde dann noch eine erste Meditationsstunde angekuendigt und ab sofort galt es zu schweigen. Natuerlich kann man bei Bedarf das „Management“ ansprechen, wenn zum Beispiel die Dusche nicht funktioniert oder aehnliches. Auch kann man – nach vorheriger Anmeldung – einmal am Tag einen Termin mit der ‚Assistant Teacher’ bekommen um Fragen zur Meditationstechnik zu stellen oder Schwierigkeiten zu besprechen. Aber ansonsten kommuniziert man nicht (und soll auch jeden koerperlichen Kontakt vermeiden). Es ist gar nicht so einfach, die anderen schlicht zu ignorieren, da ja ein jeder zu einer gewissen Hoeflichkeit erzogen worden ist. Zum Beispiel das man sich gruesst oder auch mal ‚Entschuldigung’ sagt, oder einfach nur freundlich laechelt. Nichts davon. Im Prinzip laeuft man am Besten mit gesenktem Kopf umher.

Fasziniert hat mich, dass der Ablauf so reibungslos ging – ohne auch nur ein Wort zu wechseln. Jede von uns war viel aufmerksamer in dem was sie tat, wo sie lief und auch wo die anderen gerade sind, um eben nicht sprechen zu muessen.
Ich selber bin ja sowieso keine Person, die staendig quatschen muss und so schien mir das Schweigen noch die leichteste Aufgabe. Und in den naechsten Tagen sollte ich noch feststellen, wieviel man doch hoert, wenn man nichts hoert – also nicht spricht.

Was tut nun der Mensch wenn er nichts tut? Well, ich glaube der Mensch kann in keinem Moment gar nichts tun, den zumindest atmen tut er. Man kann still sitzen, ruhig sein, sich nicht irgendwie berieseln lassen, aber man tut nie nichts. Atmen und denken, tut man immer ! Und wenn man sitzt, sitzt man – tut man sitzen usw.

Und mit eben diesem Sitzen begannen wir an diesem Abend. In der ‚Meditation Hall’ bekam jede einen Platz zugewiesen. Die meisten sassen auf dem Boden, einige der aelteren Damen und zwei schwangere junge Frauen sassen auf Stuehlen. Ein duennes Kissen von ca. 50 – 60 cm im Quadrat markierte die Nummer 31. Zu meiner rechten war der Mittelgang, der die Maenner von den Frauen trennte. Vor, hinter und neben mir sassen andere Schueler. Ich war ehrlich froh, eine offene Seite zu haben, vor allem angesichts meiner leicht klaustrophobischen Veranlagung.

Bevor die Stunde begann, hatte ich meine Jeans gegen eine bequemere Jogginghose eingetauscht, trotzdem schliefen mir nach kuerzester Zeit die Beine/ Fuesse ein und der Ruecken tat weh. Im Schneidersitz direkt auf dem Boden war nicht die optimale Position.
Im Vorraum, wo man die Schuhe auszog (wie ueberall hier, inklusive Speiseraum und Dorms, blieben die Schuhe im Eingangsbereich stehen), gibt es ein Regal mit Kissen und Decken usw., das sich im Laufe der Tage leerte. Auch bei mir dauerte es ein paar Tage, bis ich die richtige Sitzposition fand.

Ganz ehrlich bekam ich nicht allzuviel mit von dieser ersten Stunde. Zum Einen galt es sich in die Stimme des Lehrers – in diesem Fall S.N. Goenka, vom Band, natuerlich in englisch – hineinzuhoeren, wie erwaehnt eine haltbare Sitzposition zu finden und ueberhaupt war alles sehr ungewohnt. Obgleich ich es interessant fand, mit ca. 60, 70 Menschen in einem Raum zu sein und nur ein gelegentliches Husten oder Raeuspern zu hoeren.

Alles in allem aber ein guter Tag und ich schlief tief und fest in dieser Nacht.

Am naechsten Morgen ging es dann um 4.00 Uhr mit einem Gong los. Ich hatte mir vorsichtshalber den Wecker gestellt, aber es waere nicht noetig gewesen. Der Gong (von einer „Studentin“ geschlagen), war laut genug. Schon in der Einfuehrungsrunde am Abend hatte eine der aelteren Schuelerinen (also eine die den Kurs mindestens schon einmal gemacht hatte) gesagt, dass das ‚Chanting’ (Gesang) am Morgen lohnenswert waere und so begab ich mich gegen 4.30 Uhr in Richtung von der Meditationshalle. Mit ein paar Kissen ausgestattet – und eine Decke, da es ziemlich kuehl war – versuchte ich es mir auf meinem Platz einigermassen bequem zu machen. Die Hall war etwa halbvoll. Gegen 5.30 kamen die beiden ‚Assistant Teacher’ (ein Mann, eine Frau), die vor den Schuelern an der vorderen Wand auf einem erhoehtem Podest ihren Platz haben (den Schuelern zugewandt). Die Gesaenge (auf Hindu gesungen) sind nicht teil der Meditationstechnik sondern gelten eher als Einstimmung fuer die Assistent-Teacher und – so stellte ich fest – auch die Schueler. Es hatte eine fast tranceartige Wirkung.

6.30 ging es dann hinueber in das Haupthaus zum Fruehstueck. Auch dies angekuendigt durch einen Gong. Schweigend standen wir vor der Tuer bis wir hinein konnten. Ein sehr seltsames Gefuehl ...
Fruehstueck bestand heute fuer mich aus warmen Oatmeal (Haferflocken) mit Frucht und Soyamilch. Da dies (oder aehnliches) auch zuhause meine bevorzugte Speise am Morgen ist, war ich vollkommen zufrieden damit. Doch es gab keinen Kaffee, was mich innerlich ein wenig seufzen liess.

Nach einer kurzen Pause, hiess es dann um 8 Uhr wieder meditieren in der Halle. Immer noch hatte ich nicht die optimale Position (ich versuchte es inzwischen mit ‚knien’ – also ein Kissen zwischen die Beine und diese sozusagen falten), aber an den Geraeuschen konnte ich feststellen, dass es vielen Anderen auch so ging. Die Einleitung in die Technik begann damit, dass man sich auf den Bereich um die eigene Nase konzentrieren sollte und nachfuehlen, wie der Atem an den Nasenloechern bzw. der Innenseite der Nase vorbeistrich. Ich hatte den Dreh ziemlich schnell raus, allerdings hatte ich Probleme mit der Konzentration, denn mir war speiuebel. Zum Glueck war die Stunde bald vorbei und wir wurden „entlassen“ um wahlweise in der Halle oder im eigenen Zimmer weiter zu ueben. Ich ‚fluechtete’ in meine Unterkunft, denn mein Magen hatte beschlossen, das Essen im Allgemeinen heute keine gute Idee war und kurze Zeit spaeter uebergab ich mich. Mir war elend zumute, denn zur Uebelkeit kamen nun auch noch heftige Kopfschmerzen. Zunaechst schob ich es auf den gestrigen Besuch unterwegs in einem Fast Food Restaurant (gleichwohl mir dann ja am Abend schon schlecht gewesen waere und als ich wieder zuhause war stellte sich raus, dass Helmut voellig gesund war). Vielleicht, so meine zweite Ueberlegung, war es einfach der beruechtigte 24-Stunden-Magenvirus. Oder durchlaufe ich einen Reinigungsprozess? Doch so schnell? Ich bin gerade erst angekommen und habe noch nicht einmal richtig mit dem Meditieren begonnen ....

Irgendwie schaffte ich es mich durch den Tag zu hangeln, allerdings bekam ich von meiner Umgebung wenig mit. Ich nahm an den ‚Pflichtstunden’ in der Halle teil, aber blieb ansonsten im Bett liegen. Was wohl auch die beste Loesung war, denn immerhin blieb der Pfefferminztee am spaeten Nachmittag drin. So konnte ich dann auch dem abendlichen Theoriekurs folgen. Da die Organisation der Meinung ist, dass es am Besten ist diesen in der Muttersprache zu hoeren, bekam ich einen I-Pod und Kopfhoerer und sass dann nicht mit den Amerikanern in der Halle, sondern in einem Extrazimmer um dem zu lauschen. Ausser mir gab es noch eine Franzoesin (die das Ganze in franzoesisch hoerte), ein Chinese, Japaner, Inder, Thais und Hispanics, die je nach Groesse der Gruppe per I-Pod oder am CD-Spieler den Unterricht verfolgen konnten. Ob meiner angeschlagenen Gesundheit, brachte ich sicher nicht die noetige Aufmerksamkeit mit, die der ‚Discourse’ verdient haette. Aber das was ich mitbekam, war allemal interessant.

Ziemlich kaputt fiel ich um 9.30 Uhr ins Bett und schlief sofort ein ...

.... Fortsetzung folgt .....

'Sie haben Post'

Die Welt macht einem Menschen Platz, der weiss wohin er geht. (Ralph W. Emerson)


Liebe Wiebke

Zunaechst einmal moechte ich Dir natuerlich zu Deinem 13. Trockengeburtstag gratulieren. 13 Jahre – inzwischen ein Teenager auf dem Weg erwachsen zu werden. Doch wir wissen, gerade das ist eine schwierige Zeit. Noch nicht volljaehrig, aber alt genug zu glauben, alles zu wissen, nicht wahr? Man gehoert nicht mehr zu den neugierig, unschuldigen Kindern, aber auch noch nicht zur selbstbestimmten, unabhaengigen Erwachsenenwelt. Angefuellt mit Selbstzweifeln und Infragestellen. Nicht nur sich selbst, nein auch die Umgebung, die Familie, das Leben an sich!

Wie jeder „Mutter“ faellt es mir schwer zu glauben, dass es schon so lange her ist und wie gross Du geworden bist. Ich erinnere mich noch ziemlich gut an den Tag, als Du ‚geboren’ wurdest. Es war eine schwere Geburt, die mit vielen Schmerzen verbunden war. Natuerlich ging dem eine Zeit der Vorbereitung voraus. Gleichwohl von Freunde in diesem Fall keine Rede sein kann. Monatelang mit dem Gedanken daran „schwanger“ gewesen; durchgespielt wie waere es, das ‚so leben’ und mit dem Trinken aufzuhoeren – um es dann wieder zu verwerfen, Angst. Quaelend, doch diese Zeit der Vorbereitung ist wichtig, um Kraefte fuer die Wehen zu sammeln.
Dann gab es einen falschen Alarm. Ein paar Wochen vor dem Termin, den das Schicksal fuer Deine Geburt ausgesucht hatte. Ungeduldig darauf, dass es nun endlich vorbei sei, in eine Klinik bringen lassen und versucht etwas voran zu treiben, was sich nicht herbeihetzen laesst. Das musste ja schief gehen!
Doch letztlich hast Du es geschafft, 13.12.98. Ja und dann hat man da das Neugeborene in den Haenden, hilflos mit grossen Augen in die Welt blickend, die sehr feindlich erscheint. Orientierungslos und verletztlich, nicht wirklich daran glaubend, dass man jemals das erste Lebensjahr erreichen wird ...

Und jetzt sind es 13 Jahre. Soviel ist geschehen in der Zwischenzeit, ein ganzes neues Leben!

Also wenn ich so an die Wiebke von vor 15 Jahren denke ... Ich dachte dieser Tage, was waere, wenn ich sie heute sehen wuerde, wie sie an mit vorbei laeuft (so Zeitsprungmaessig). Wuerde ich zu ihr sagen: was denkst Du dir eigentlich dabei so zu leben? Oder wuerde ich sie einfach vorbei gehen lassen? Weil, wenn es sie nicht gaebe, gaebe es Dich so wie Du heute bist auch nicht ...

Da es ein theoretisches Konstrukt ist, kann ich die Frage natuerlich nicht beantworten. Mir scheinst Du oft heute wie eine andere Person auch wenn ich weiss, dass tief in Dir durchaus auch noch Teile der alten Wiebke sind. Nun ganz aus uns heraus koennen wir wohl nie. Wir lernen mit dem Tier in uns zu leben und wenn wir uns mit ihm beschaeftigen, es wahrnehmen, ernst nehmen und viel mit ihm arbeiten, koennen wir es sogar zaehmen. Aber wir wissen, ein bisschen etwas Wildes bleibt in ihm. Ein Instinkt auszubrechen und in alte Verhaltensweisen zu verfallen. Das ist gut so, es erinnert daran, wie wichtig es ist, nicht nachlaessig zu werden. Das gute Leben nicht als selbstverstaendlich hinzunehmen, was in einer Katastrophe enden koennte. Es ist wichtig, das nicht zu beschoenigen, gar verklaeren, sich bewusst zu sein, jeden Tag einmal nach dem Tier zu sehen, ob es ihm gut genug geht zahm zu bleiben ...

„Folge nur der Spur Deiner Sehnsucht, dann werden Dir die Bilder das Geheimnis Deines Lebens erschließen!“ Das sagte Anselm Gruen und ich finde, Du hast das bisher ganz gut gemacht, Deiner Sehnsucht folgen. Und ich weiss, weil Du es mir erzaehlt hast, Du hast auch schon das eine oder andere Geheimnis Deines Lebens enthuellt. Doch da ist noch soo viel zu entdecken ...
 
Nun das Jahr 2011 ist fast vorbei. Was fuer ein Jahr! Ich meine, wieviele Menschen koennen schon von sich behaupten, 2000 km zu Fuss gegangen zu sein? Und – was ich ja noch viel wichtiger finde – wieviele koennen behaupten sich ihre Traeume zu erfuellen? Man fragt sich, ob sie einfach zu traege sind oder ob die Angst vor dem Unbekannten sie zurueckhaelt. Nun, Du und ich wissen von Deiner Angst, die Dich manchmal laemt. Der Mut versteckt sich dann hinter einer Wand aus Gegenargumenten, die unueberwindbar scheint.  Und nur mit einer grosse Kraftanstrengung schaffst Du es dann, sie Zentimeter um Zentimeter zu erklimmend, gegen die eigenen Widerstaende. Und dann, dann laeufst Du einfach los ...
 
Du hattest mir geschrieben, dass es nach Deiner Pilgerreise zunaechst alles sehr aufregend war, viele neue Ideen und Gedanken, gefuellt mit den Erlebnissen und Bildern. Und was passierte? Nichts! Die Welt drehte sich weiter, ja hatte sich in den Monaten Deiner Abwesenheit kein bisschen veraendert. Du konntest nicht sehen, dass die Veraenderung in Dir lag. Enttaeuschung machte sich breit. Wo war er, der grosse Gong?
Der Spruch, den Mami gefunden hatte, passt da ja durchaus „Am Ziel deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: Dein Wandern zum Ziel!" (Maria von Ebner-Eschenbach) ... und eine gewisse Apathie machte sich breit. Deine Ausrede: ich muss mich ja um alles kuemmern und arbeiten gehen. Hast Dich schoen abgelenkt und bist dann viel zu schnell wieder in einen Alltagstrott verfallen. Oder doch nicht? Ich weiss, manchmal ist es gar nicht so einfach, wenn man angekommen ist. Was kommt jetzt? Was ist in meinem Leben dran, wohin fuehrt der Weg nun? Ich kenne Dich gut genug zu wissen, dass Du die „Gedanken“ Deiner Reise nicht vergessen hast. Sie liegen ein bisschen im Keller und reifen ...
 
Wenn ich so auf Dein Lebensbuch schaue, ist das schon ein ganz schoener Waelzer. Und er enthaelt so ziemlich alles, was eine gute Geschichte braucht: Abenteuer und Liebe, Verlust und Leid, Gewinnen und Verlieren, Freunde und Einsamkeit, Helden und Hilfe, Geben und Nehmen ... und vieles mehr. Aber ich sehe auch, dass es noch sehr viele leere Seiten gibt, viel Platz fuer all die Dinge, die noch vor Dir liegen. Ich finde das sehr spannend.
 
Ja, Du mit Deiner Ungeduld. Ich weiss. Manchmal wuerdest Du schon gerne wissen, was auf der letzten Seite steht nicht wahr? Wie das Buch ausgeht. Doch, sind wir mal ehrlich, wer moechte denn schon gerne alles wissen und ueber soviel Macht verfuegen die Zukunft zu kennen? Ja, wuenschen tun wir es uns machmal, aber wozu? Und ich weiss, dass Du es nie tust, die letzte Seite lesen, bevor Du nicht jede einzelne Seite vorher umgeblaettert hast. Du gehst dann doch den ganzen Weg, allerdings manchmal ein bisschen schnell und dann stolperst Du ueber die eigenen Fuesse ... Dein Lieblingsautor Paulo Coelho meint dazu: ‘There are no short cuts to any place worth going'.
 
Oh, nicht alles ist nur gut gewesen in dem Buch und nicht jede Geschichte darin zum lachen – im Gegenteil. Niemandem auf der ganzen Welt werden immer alle Wünsche erfüllt. In keinem Leben geschieht nur das, was man will. Immer wieder geschieht auch Unerwartetes, ja, Unerwuenschtes. Doch sind es nicht genau diese Dinge an denen wir wachsen?
Und – wie bei jedem – zu oft trifft man im Leben Entscheidungen, hinter denen man nur zum Teil steht. Und auch in den Entscheidungen, die daraus folgen, findet man sich nur zum Teil wieder. Hieraus folgen dann wieder Entscheidungen, in denen man sich gar nicht mehr wiederfindet. Bis man eines Tages erwacht und sich selbst nicht mehr finden kann. Dann, im uebertragenen und – fuer Dich nun auch - woertlichen Sinn, packt man seine Sachen und macht sich auf den Weg. Bis man sich selbst wieder begegnet.
 
Und noch eine Anmerkung zu Deinem Lebensbuch. Ich habe Dich dieser Tage wieder dabei ertappt, wie Du vor den leeren Seiten sitzt und darauf starrst. Und Du fragst Dich was habe ich eigentlich Grossartiges geleistet, hier steht ueberhaupt nichts drin. Vielleicht – nur so als kleiner Tip von einer Freundin – ab und zu waere ein bisschen zurueckblaettern sicher mal ganz lehrreich. Nein, Stillstand ist nicht gut, aber Innehalten waere durchaus manchmal sehr wichtig. Reflektieren, was Du schon erreicht hast, um daraus dann wieder Kraft zu schoepfen um eben die leeren Seiten zu fuellen.
Du wirst erkennen, wer soviel erreicht hat, den kann doch niemand bremsen - ausser Du selbst natuerlich. Mit Deinen Zweifeln. Nachdem jetzt die Zeit des Laufens vorbei ist, heisst es erstmal ein wenig ausruhen auf der Stufe, die Du erklommen hast. Luft holen, wieder zu Atem kommen. Es gilt sich neu zu justieren. Herauszufinden, was jetzt dran ist. Und dann ist es Zeit sich neue Ziele zu setzen. Ich koennte mir vorstellen Du hast schon wieder etwas in der ‚Pipeline’, oder? Eine Idee fuer eine neue Geschichte? Schreibst Du mir davon, wenn es spruchreif ist? Ich wuerde mich freuen.

Ja, ich weiss, das mit den Zielen ist gar nicht so einfach. Wir Schriftsteller kennen das: Schreibblockade. Da sitzt man vor einem leeren Blatt, irgenwann schreibt man ein paar Woerter, liest sie dreimal durch, reisst das Papier aus der Schreibmaschienen und faengt von vorne an. Der Boden ist uebersaet mit zerknuellten Blaettern, auf denen halbfertige Saetze stehen. Mein Tipp: denk an die Fanta Vier ... Lass die Sonne rein! Lass Sie auf die Woerter scheinen die Du nicht finden kannst und ploetzlich werden sie leuchten. Und dann der erste Satz und dann ... dann kommt der Rest der Geschichte wie von ganz alleine aufs Papier. Und dann weisst Du ploetzlich: Alles wird gut!

Fuer heute nun, wuensche ich Dir, dass Du diesen Tag geniessen kannst. Sonne Dich in Deinem eigenen Licht, denn es strahlt hell und schoen. Und dann wähle Deine Gedanken und ernte die Früchte der Freiheit!
 
Ich drueck Dich ganz fest
Wiebke