Die Postkarte



Es ist Samstag und wir kommen gerade von einem Spaziergang mit Clyde zurück. Bevor ich die Haustüre aufschließe, fällt mir ein, ich habe heute noch gar nicht in den Briefkasten geschaut. Also wenn ich nun schon fast daran vorbei laufe, leere ich ihn auch gleich. Sicher wieder nur ‚Altpapier‘ und Rechnungen. Aber der Kasten ist ziemlich klein und außerdem undicht, so ist das tägliche Leeren fast schon ein Muss. Ganz davon abgesehen bin ich natürlich auch weiblich neugierig … Und wer weiß, vielleicht ist diesmal eine Zusage eines Verlages darin. Die Spannung steigt.
Ich schließe die rostig-verbeulte Klappe auf … und da liegt – einsam und ganz in eine Ecke gedrängt eine Postkarte. Wie schön! Ich freue mich, dass es keine Rechnung ist und irgendjemand an mich gedacht hat. Doch der genaue Blick macht mich etwas stutzig. Irgendwie kommt mir die Schrift zwar ziemlich bekannt vor, doch die Karte ist nur mit W. unterzeichnet. Hm …. Ich bleibe auf dem Treppenabsatz stehen und lese den Text:
„Liebe Wiebke, ich bin mir sicher, dass Du inzwischen Dein Buch fertig hast. Und wie sieht es mit einem Verlag aus? Schon Absagen? Nun Du weißt ja, die sind wichtig zum Lernen, also einfach weitermachen. Aber verliere auch Deine anderen Ziele nicht aus den Augen; auch wenn es nicht immer geradeaus geht. Alles ist gut! W.“
Jetzt bin ich völlig verwirrt. Wer könnte das geschrieben haben. Mir  fallen zwar spontan ein oder zwei Freunde ein, die soviel über mich wissen, dass sie mir eine solche ‚Ermunterungs-Karte‘ schicken würden. Doch niemand hat einen Vornamen, der mit einem ‚W‘ beginnt.
Während ich also nach oben in den dritten Stock steige, rätsle ich weiter. Mal auf das Datum schauen: 09.08.13. Wow, die Karte war aber lange unterwegs! Ein Blick auf den Poststempel verrät mir dann allerdings, dass sie doch nicht so lange unterwegs war und als ich oben vor der Wohnungstür angekommen bin, trifft mich die Erkenntnis fast wie ein Schlag. Ich bin ganz aus dem Häuschen: Natürlich, ich selbst habe mir diese Karte geschrieben! Letztes Jahr, als ich im August bei der Inspirationswoche mit Steffen Kirchner im Allgäu war. Wir hatten schon fünf Tage intensiv an den verschiedensten Themen, wie Werte, Stärken und Ziele gearbeitet. Am letzten Tag bekamen wir dann jeder eine Postkarte – bzw. wir durften uns eine raussuchen – die wir an uns selbst schicken sollten. Ganz erfüllt von den vielen Impulsen entstand dann die meine.
Ich hatte es total vergessen!

Und nun starre ich fasziniert auf den Text und bin erstaunt, wie zutreffend er ist. Ja, das Manuskript ist fertig. Schon eine ganze Weile. Und würde mich nicht hin und wieder jemand danach fragen, würde ich kaum mehr daran denken, denn ich stehe knietief in meinem neuen Buchprojekt.
Und ja, Absagen habe ich auch schon ein paar bekommen. Immer Standard Blabla. Nun, das wusste ich ja, dass große Verlage dies oft tun. Aber ich gebe deswegen natürlich noch lange nicht auf und glaube immer noch fest daran, dass ich ‚entdeckt‘ werde. Ich habe das Buch losgelassen und es soll seinen eigenen Weg finden.
Jetzt, als ich die Karte in der Hand halte, überlege ich ernsthaft, ob ich doch nochmal das Exposé überarbeiten sollte und ein paar weitere Verlage anschreiben …
Und wie sieht es mit meinen anderen Zielen aus? Nun, ich habe – wie ich es immer tue – Anfang des Jahres welche für 2014 definiert und aufgeschrieben. Und auch teilweise schon angefangen, diesen entgegen zu streben. Aber vielleicht sollte ich auch noch einmal meine Ziele vom letzten Jahr rausholen und schauen, welche ich erreicht habe ...

Auf jeden Fall bringt mich die Karte dazu, mich mal wieder auf das zu fokussieren, was mir wirklich wichtig ist. Wofür begeistere ich mich? Es bringt mich dazu darüber nachzudenken, wo und wann verliere ich mich momentan im Alltagstrott, wo sind meine Prioritäten? Ich weiß, oft ist das Leben wie ein laues Lüftchen im August und ich merke gar nicht dass ich mich bequem in eine Blumenwiese lege und keinen Grund sehe mich zu bewegen. Ich erliege der Versuchung zu glauben, dass der Sommer ewig währt.

Die Karte macht mir auch wieder Mut, motiviert mich. Habe ich doch vor ein paar Monaten fest daran geglaubt, dass ich weiter komme. Das ich meine Ziele vor Augen habe und diese auch erreiche.
Und es ist noch mehr. Es steckt eine Hoffnung darin, dass in mir noch mehr steckt, als das, was ich normal so lebe. Da steckt noch ein anderes besseres Ich in mir. Das ist so, als ob man sein besseres Zukunfts-Ich vor sich hätte. Man arbeitet noch an einem neuen Entwurf von sich selbst. Und irgendwann kommt er ans Licht. Als wäre man bisher immer nur die Larve gewesen, aber dann wird man zeigen was für ein schöner Schmetterling man ist. Es ist gut, dass ich noch die Sehnsucht in mir spüre, mich zu ändern. Und mich nicht selbstzufrieden und bequem zurücklehne ins Gewohnte.

Und dann schreibt mir ein Freund gestern: Würde ich mein Leben noch einmal von vorne beginnen, würde ich vieles anders machen.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und bin dann doch dabei geblieben, was ich schon lange denke: ich würde nichts anders machen. Denn ich bin sicher, ihr und ich, die meisten jedenfalls von uns, sind nicht all die Jahre als Larve durch ihr Leben gekrochen und das Schmetterlingsleben kommt noch. Ich bin schon ein fertiger Schmetterling, vielleicht nicht so toll wie ich gern wäre. Und manchmal versage ich beim Fliegen. Aber, wenn ich immer der Vergangenheit nachheule und darüber nachdenke, was ich hätte anders machen können, und andererseits diesem anderen Zukunftsbild von mir nachträume, kann ich mich nicht achten und lieben wie ich bin. Und mich lieben das gibt mir Kraft, das Fliegen zu üben. Fliegen wie ein Schmetterling, der ich nicht erst sein werde. Der ich bin! Jetzt.

Diese Erinnerungs-Postkarte, ein knappes halbes Jahr später, hat mir gut getan!

Und darum an dieser Stelle ein riesengroßes ‚Danke‘ an Susanne Groth und SteffenKirchner, die zum Einen das für mich so wertvolle Seminar im letzten August gestalteten haben und sich zum Anderen die Mühe machten, unsere Postkarten aufzuheben und dann zum Jahreswechsel abzusenden.

Vielleicht ist das überhaupt eine gute Idee, sich ab und zu mal eine Karte oder einen Brief in die Zukunft zu schreiben. Okay, das mit dem selbst versenden funktioniert nicht wirklich. Aber ich kann einen Freund, eine Freundin oder jemand in der Familie darum bitten, dies für mich zu tun. So kann ich mir hin und wieder ein bisschen Wind unter die Schmetterlingsflügel blasen ….

As always
Thank you for time
Wiebke

Fuck it ... ich feiere mein Leben!!



… oder  ‚Dancing with the tide‘!

Gedanken zu meinem 15. Trockengeburtstag …

Ich kann es nicht glauben: Schon haben wir wieder Mitte Dezember. Die Zeit rauscht an mir
vorbei und bevor ich es richtig begreife ist es Weihnachten und das Jahr 2013 zu ende... Viel zu oft vergehen die Tage, als stürzten sich die Minuten in Stundenfässer sitzend einen Wasserfall hinunter.

Also nicht, das ich mich alt fühle, aber man sagt doch, je älter man wird, umso schneller vergeht die Zeit, umso schneller scheinen die Wochen, Monate und Jahre ins Land zu ziehen. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber ich kann für meinen Teil sagen, dass das letzte Jahr gefühlt ziemlich schnell vorbei ging. Es gibt Momente, da frage ich mich, wo sind all die Tage, Wochen und Monate hin. Ich frage mich: Liegt es nun daran, dass so viel passiert ist? Oder liegt es daran, dass ich dieses Jahr so intensiv gelebt habe?

Wissenschaftler der Hebrew University in Jerusalem haben mal gemeint, eine Erklärung dafür gefunden zu haben, warum es einem oft so erscheint das die Zeit schneller vergeht: Nämlich, wenn man sie mit Tätigkeiten verbringt, die man kennt und bei denen nichts Neues passiert. Die gerade Linie der Routine nehmen wir unbewusster, automatischer und schneller wahr. Die Zacken und Umwege der neuen Erfahrungen und ungewohnten Tätigkeiten empfinden wir bewusster und langsamer. Je älter wir werden, desto mehr Erfahrungen und Dinge gibt es, die wir kennen und routinemäßig machen. Und desto schneller scheint die Zeit zu vergehen.

Doch irgendwie kann ich dem nicht zustimmen. Denn mein letztes Jahr war angefüllt mit Neuem, mit Unbekanntem. Vollgepackt mit Ereignissen und Momente, die es wert sind erinnert zu werden.
In den letzten Monaten, seit ich zurück nach Deutschland gekommen bin, hat sich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch fast alles in meinem Leben verändert. Ich habe noch einmal von vorne angefangen. Und auch wenn es im Rückblick erscheint, als wäre es ein Klacks, so war es doch mit viel ‚Arbeit‘ verbunden.
Müsste ich dieses dann nicht viel mehr spüren, müsste mir die Zeit nicht viel bewusster sein? Und ich frage mich, wie viel Leben passt in ein Jahr?

Ich entdeckte - und entdecke immer noch - ungeahnte, ungekannte Seiten an mir. Es ist fast, als sei ein Damm gebrochen und nun fließt das Wasser meines inneren Flusses ungehindert durch das Geröll des Lebens. Füllt jede Ecke, überflutet das, was brach lag und nährt die Pflänzchen meiner Persönlichkeit, die bisher ungenutzt, unentdeckt in dunklen Winkeln standen. Und plötzlich fangen sie an zu wachsen.
Wie in der Wüste, in der Samen jahrelang im sandigen Boden verharren, bis es eines Tages regnet. Dann plötzlich blühen sie auf, die Wüste wird grün. Es scheint mir als erlaube ich mir, einen Blick auf die Unbegrenztheit meiner Seele zu werfen.

Ich hörte kürzlich in einem Vortrag von Veit Lindau (von dem übrigens auch der erste Teil des Titel dieses Posts entliehen ist) die Aussage: Brenne für Dein Leben!
Das genau ist es. Dann wenn ich mich für mein Leben begeistern kann, wenn ich bewusst die Entscheidungen treffe, jeden Tag, die Verantwortung übernehme, dann brenne ich für mich, für mein Leben. Dann auch erlaube ich mir jeden Tag mal verrückende Gedanken zu denken. Dann überschreite ich bewusst auch mal meine Grenzen um zu erfahren, was dahinter liegt, was möglich ist. Ich spüre Kräfte in mir, von denen ich wenig oder keine Ahnung hatte. Ich höre meine Musik, die Melodie meines Wesens. Ich ahne den Grund der still und fest unter den dahinrauschenden Wassern der Ereignisse liegt. Mit dem Bewusstsein kann ich dann lieben was ich tue – fast jeden Augenblick … und wachse daran.

Nein, es war und ist ganz sicher nicht nur einfach. Es gab Enttäuschungen, Schmerzen und Zeiten in denen ich Schwierigkeiten hatte das Licht zu sehen. Es haben sich mir einige Hindernisse in den Weg gestellt; Herausforderungen vor mich aufgebaut, mit in die Hüfte gestemmten Fäusten und gesagt: versuch mal an mir vorbei zu kommen! Und ich weiß auch, es wird immer wieder unruhiges Gewässer geben, und ich werde sicher noch das eine oder andere Mal mit meinem Lebensboot ins trudeln geraten. Doch ich stelle immer wieder fest, wenn ich danach Ausschau halte, finde ich den Mut in mir, auch schwierige Situationen anzugehen, zu meistern.
Ich fahre den Fluss hinunter, den ich möchte, den ich gewählt habe. Und das macht einen Unterschied. Denn, ich habe die Wahl. Ich bestimme, wie ich auf die Umstände reagiere. Ich bestimme, ob und in welchem Maße andere meine Stimmung beeinflussen. Wenn ich jemandem die Schlüssel für mein Auto gebe, dann darf ich mich nicht darüber beklagen, wenn dieser damit wegfährt. Wenn ich anderen oder den Umständen die Schlüssel für mein Glück gebe, dann darf ich mich nicht wundern, wenn ich unglücklich bin. Ich habe die Wahl, wie ich auf alles in meinem Leben reagiere. Und ich arbeite daran, die Schlüssel für mein Leben nicht aus der Hand zu geben.

In dieser ganzen Zeit bin ich einfach davon ausgegangen, dass Alles gut geht. Habe mich bemüht, nicht in Frage zu stellen, was ist. Im Wissen, dass ich es schaffe. Wie ich bisher immer alles irgendwie geschafft habe in meinem Leben.
Heute ist so ein Tag, mich daran zu erinnern. Und ich tue es mit Stolz. Stolz, den ich mir verdient habe – in meiner persönlichen Lebensleistung, trocken zu werden und heute meinen 15. ‚Geburtstag‘ zu feiern.

Ich habe aus dem gelernt, was hinter mir liegt; bin weiter gesegelt, oft ohne Kompass oder Karte und ohne genaue Kenntnisse wohin ich eigentlich will.  So mancher Tag war ein Kampf und ich hatte Mühe in der Fahrtrinne zwischen den Ufern zu bleiben, um nicht an den Felsen zu zerschellen.
Doch wenn ich zurück blicke, tue ich dies ohne Zorn. Jeder Abschnitt meines Lebens war wichtig und hatte seine Berechtigung. Sicher, manchmal habe ich an einem morschen Holzsteg festgemacht, unfähig vorwärts zu kommen und ließ die Wasser des Lebens an mir vorbeifließen, in der Annahme, dass ich noch genug Zeit für all das Ungelebte habe. Bis ich merkte, dass all das, was ich auf Morgen oder irgendwann verschoben hatte, plötzlich an mir vorbei floss, ohne dass ich es hätte aufhalten könne. Also habe ich mich aufgemacht, nicht mehr am Ufer zu sitzen und zu sagen ich kann nicht und bin irgendwie zufrieden, sondern ich habe gewählt … mit dem Fluss meiner Lebenszeit zu reisen, mich auch mal der Herausforderung des Unbekannten zu stellen und auf den Wellen zu tanzen.

Ich gebe es zu, in den letzten Monaten habe ich hin und wieder mein Lebensfloß mit Absicht in die Stromschnellen gelenkt, ohne mich vorzubereiten, ohne Ruder und Schwimmweste. Nein, nicht in Bezug auf die Sucht – dafür habe ich zu viel Respekt vor der Krankheit, aber ich habe mich an und über meine Grenzen gewagt. Ausprobiert wie es ist die Komfortzone zu verlassen...
Ein japanisches Sprichwort sagt: „Hebt man den Blick, so sieht man keine Grenzen!“ Jeder Mensch ist ein Grenzwesen in doppelter Hinsicht, ein Wesen zwischen Bestie und Engel, das grausam töten kann, aber auch unendlich lieben. Und ein Wesen, das begrenzt ist. Leider und Gott sei Dank. Der Mensch, wir – ich haben Grenzen; körperliche Grenzen, seelische Grenzen, Grenzen der Belastbarkeit, die signalisieren, wann es mir zu viel wird. Trotzdem ist es auch immer wieder gut Grenzen zu überschreiten. Nicht dauerhaft, aber immer wieder mal den Blick heben und über den Tellerrand hinausschauen. Das kann und muss gerade auch immer wieder im Alltag sein, dass ich den Blick hebe und über das hinwegsehe, was mich umstellt, über all das hinaus schauen, was mir den Horizont, die Weite verstellt. Und diese Momente halte ich fest, ankere sie für die etwas trüberen Tage.
Doch es gibt weniger davon. Und wenn, dann nehme ich sie an und stelle mich ihnen. Bemühe mich, den Tag wie eine Kriegerin zu beginnen. Eine Kämpferin im ganz positiven Sinn. Eine, die sich für mein Leben einsetzt, es verteidigt und es gut macht.
Doch das geht nur, wenn ich lebe, nicht, wenn ich gelebt werde und mich einfach treiben lasse. Leben und Erfahrungen suchen, die meinen Körper, meine Seele und meinen Geist fordern und anregen. Leben hält lebendig. Anstrengungen kosten Kraft, sie geben aber auch neue. Und sie machen glücklich.
Vor allem brauche ich Zeit mit mir, wenn ich ganz lernen will, mit mir selbst auszukommen. Zeit, in der ich mir ungeschönt begegne. Sehe wie ich bin und mich so lieben lerne.

Und ich vergesse nicht: Jeder Tag zählt! Jeder Tag denn ich trocken bleibe, ist ein Fest für sich und darum feiere ich mein Leben ...

Nein, ‚das Tier in mir‘ ist nicht fort. Und das ist gut so! Glücklicherweise schläft es die meiste Zeit. Doch hin und wieder wacht es auf und beschert mir auch dunkle Tage. Tage an denen ich deutlich er als sonst in die Tiefen meiner Seele blicke, die Süße der Melancholie verlockend empfinde, die Lust an der Wut nicht regeln kann, die Stärke der Selbstachtung einen Bogen um mich macht, die Akzeptanz meines Körpers nicht fühle und der Spiegel zum Feind wird.
Doch ich habe gelernt es nicht mehr zu hassen, das Tier. Im Gegenteil. Es ist ein Teil von mir. Ein sehr wichtiger sogar, denn es erinnert mich daran in der Spur zu bleiben. Wieder aufmerksam zu werden. Mich anzunehmen in allen Facetten ... Und je differenzierter ich die Mehrstimmigkeit meiner inneren Stimmen wahrnehme, desto weniger drückt mich und desto freier erfahre ich mein inneres Leben.

Wer Gründe zum Leben sucht, wird sie auch finden. Dieses Jahr hat mir wieder gezeigt, ich kann es schaffen, wenn ich es möchte und wenn ich mich darum bemühe. Mich hinsetzen, Däumchen drehen und darauf warten, dass etwas passiert – funktioniert nicht. Nur wenn ich aufstehe, loslege, hinschaue, dann kommt auch Leben in mein Leben. Nichts ist vollkommen, aber ich kann mich an mir festhalten, weil ich mir vertraue. Ich erkenne, jedes Stück Leben ist wichtig.

15 Jahre trocken sein, das ist meine Leistung. 15 Jahre kontinuierliches Wachsen – mal mehr, mal weniger, mal schneller, mal langsamer. Aber doch immer vorwärts strebend.
Ja, ich habe noch viel zu lernen. Das weiß ich. Ich bin auch noch lange nicht fertig mit mir. Aber ich glaube daran, dass ich als Mensch in dem Maße über mich hinaus wachse, in dem ich in mich hineinwachse. Das heißt, in dem Maße in dem ich denke, sage und tue, was mir entspricht, bin ich stark, setze mich durch, achtete ich mich selbst, gewinne ich Freiheit, kann ich lieben.
Wenn ich es wage, mir selber treu zu sein, werde ich erfahren, dass mir das Leben selbst die Treue hält.

Und das ist etwas, dass ich mir für das nächste Jahr auf meine Motto-Fahne schreibe: Ich möchte noch mehr ich sein – ohne mich verstellen zu wollen oder müssen; Ich möchte weniger Dinge tun, die mich schwächen und mich darauf konzentrieren, was mich stärkt; Ich möchte mich immer wieder fragen können – ohne Angst - Was sind meine Baustellen? Ich möchte konsequenter sein in meinen Handlungen. Nicht wie früher oft eine Hintertür offen lassen, durch die ich dann vielleicht doch noch entwischen könnte. Ich möchte Gefühle zulassen, auch und gerade dann, wenn mir mein Kopf mal wieder im Weg ist. Ich möchte das Leben und mich selbst bedingungslos lieben, denn dann kann ich diese Liebe auch weitergeben …. Durchaus ambitionierte Vorhaben, doch ich weiß, ich rudere inzwischen nicht mehr nur in einem morschen Kahn, sondern habe mir im Laufe der Jahre ein solides Lebensboot erarbeitet. Das wird mich sicher auch durch unruhige Gewässer bringen.

Zwischen all dem Leben gibt es inzwischen aber immer wieder ruhige Momente. Da fließt der Fluss langsam und gemächlich und ich kann für einen Moment das Ruder aus der Hand legen und die Sonnenstrahlen genießen. Und das ist auch gut so. Erfahrungen sammeln, Abenteuer bestehen, Herausforderungen annehmen … all das ist bereichernd und wichtig. Aber auf Dauer auch sehr anstrengend und ermüdet mit der Zeit.

Und nun, so kurz vor Jahresende, bahnt sich noch einmal eine Veränderung in meinem Leben an. Doch die ist willkommen und gewollt ... und eine ganz andere Geschichte …

Ich bin mir jedenfalls sicher 2014 erwartet mich, mit all seinen Facetten … den Stromschnellen und Canyons, den dahinplätschernden Gewässern und Anlegestellen, den Untiefen die ich selbst bewältigen darf und den Abschnitten in denen ich nicht alleine den wilden Wassern ausgesetzt bin, aber auch den rotglühenden Sonnenuntergängen und atemberaubenden Aussichten … Und ich freue mich darauf, denn ich weiß sicher, es ist noch Zeit - und Leben für mich vorhanden. Ich habe Pläne und Visionen für meine Zukunft. So werde ich weiter mein Leben umarmen und feiern und auf den Wellen tanzen.

Jetzt ist meine Zeit!

Als always
thank you for your time.
Wiebke

Thank you for the music ...

Im Radio läuft 'Lieder' von Adel Tawil. Aus gut 30 Songs hat er einzelne Sätze genommen, sie zusammengefügt und vertont. Zwar gehört nicht jedes Lied, dass er besingt zu meinen persönlichen Favoriten, aber es ist für mich eine wunderschöne Liebeserklärung an die Musik.

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie Musik auf mich wirken kann. Sie kann mich aufheitern oder von einem Moment auf den anderen melancholisch stimmen. Ein Song kann Erinnerungen wachrufen, von denen ich nicht wusste, dass sie noch da sind. Er kann mich wegtragen … oder zurückholen.

We’re not broken, just bend ….diesen Satz hörte ich gestern Morgen. Der Song heißt ‚Just give me a reason‘ von Pink. Und irgendwie wirkte es beruhigend, tröstlich. Wie oft habe ich in meinem Leben schon gedacht, etwas ist zerbrochen, für immer kaputt und stelle dann fest dem ist nicht so. Nur bisschen verbeult vielleicht … Gestern Morgen traf es meine Stimmung …. Also laut aufdrehen und mitsingen. Schon sind die wirren Träume der Nacht verblasst, der unruhige Schlaf vergessen.

Andererseits kann Musik mich nicht nur in eine bestimmte Stimmung versetzten, nein ich kann vor allem auch eine Stimmung durch sie ausdrücken. Wie wohl jeder, so habe natürlich auch ich meine speziellen Songs. Wenn es mir besonders gut geht darf es schnell und rockig sein. Wenn ich traurig bin, etwas langsamer und ruhiger. Jede Stimmung hat ihre eigene Melodie. Und wenn ich sie noch nicht so richtig greifen kann und in Worte fassen, dann hole ich die ‚alten‘ CDs raus und lasse Musik für mich sprechen. Am besten lautstark im Auto hören und mitsingen. Die anderen Autofahrer schauen zwar manchmal etwas seltsam aber da ist mir egal. Es ist als könnte ich mit einem Lied das aus mir herausschreien, das leise zu sagen ich nicht in der Lage bin.
Es mag sein, dass ich beim Schreiben oft die richtigen Worte treffe, aber wenn es darum geht den Satz laut auszusprechen wird es schwieriger. In einem Song sind die Gefühle schon schön verpackt, zugänglich auch für mich, wenn sich mal wieder eine undurchlässige Mauer um mein Herz aufzubauen scheint.

Don’t you worry child, heavens got a plan for you … im Moment mein Favorit als Trostlied. Ein ‚alles wird gut‘ und ‚im großen Plan steht drin, was wird‘ …. Im Prinzip weiß ich ja, wo ich hin will. Ich habe Ziele und Pläne. Aber wenn es dann nicht so klappt wie ich mir das vorstelle oder ich mal wieder an meiner eigenen Ungeduld verzweifle, dann erdet mich dieser Song.

Wer kennt sie nicht, die selbst zusammengestellten Kassetten. Aufgenommen vom Radio – und immer noch ein Wort vom Moderator am Ende. Heute hat man Computer und CDs, bessere Tonqualität für Aufnahmen. Ich tue das immer noch, mir meine ganz persönlichen Mischung zusammenstellen. Wenn ich dann nach ein oder zwei Jahren die CD mal wieder hervorkrame, bin ich oft erstaunt, über die Zusammenstellung. Ich kann daran ziemlich genau ablesen (okay heraushören) in welchem Gefühlszustand ich war, als ich dieses oder jenes Lied raus suchte. Es mag heute nicht mehr meine Stimmung treffen, aber es ist wie ein Foto, dass zu dem Zeitpunkt aufgenommen wurde. Ich sehe mich und darf erkennen, dass ich mich seit dem verändert habe. Weiter gekommen bin. Und ich bin dankbar, dass die Musik mir diese Erinnerungen schenkt.

Morgens höre ich Radio und mir fällt immer wieder auf, dass in dieser Stunde irgendwann immer genau das Lied kommt, dass ich brauche, dass mich durch den Tag trägt. Ich nehme mir die paar Minuten, meine Musik in mich aufzunehmen und weiß es ist gut so wie es ist.

Für die einen mag es klassisch sein, für die anderen jazzig. Manch einer mag es heavy und ein anderer steht auf Schlager. Letztlich ist es völlig egal. Jede Musik hat ihren Platz. Wichtig ist für mich, dass ich erkenne, dass ich MEINE ganz eigene Musik habe. Die Musik, die mich wie keine andere schon bald, nachdem ich sie zu hören begonnen habe, verändert. Und die, wenn sie mich dann ganz ausgefüllt hat, noch lange nachwirkt.
Wenn ich meine Musik kenne, weiß ich auch, dass sie für dich mehr ist als gute Medizin. Sie ist ein Lebenselixier für mich, das mich ein-stimmt und einschwingt in meine besten Gefühle. Sie dringt in fast jede Dunkelheit hinein und drängt fast jede Dunkelheit hinaus.
Musik, die zu mir gehört ist farbig gewordener, schwingender Geist, der mich auswärmt, ausweitet und ausrundet, wie wenig anderes auf der Welt.

Ganz ABBA kann ich dann nur sagen: Thank you for the music …